Großer Gott, wie konnte mir das nur passieren?

Als wenn ich so die Welt ausblenden und alles ungeschehen machen könnte, zog ich mir die Decke über den Kopf, bis ich keine Luft mehr bekam. Doch so klärten sich natürlich nicht meine Gedanken. Ich setzte mich auf und versuchte mich zu beruhigen, mich zu erinnern.

Nein! Nein! Nein!

Ich hatte einen absoluten Filmriss … jedenfalls ab dem Moment, als ich auf dem Schoß eines Mannes eingeschlafen war, nachdem wir vor versammeltem Publikum miteinander Sex hatten. Richtig guten, schmutzigen, wilden Sex. Einige Bilder schoben sich vor mein inneres Auge: ich auf ihm, ich vor ihm, ich wie ich ihm einen blies.

Auch wenn mein Kopf noch weitestgehend streikte, meine Muskeln und auch mein wunder Schoß schienen sich sehr wohl an die Ereignisse der gestrigen Nacht zu erinnern. Himmel, sowas war doch gar nicht meine Art.

Dazu noch mit einem Mann, den ich nicht kannte, von dem ich nur wusste, dass er Vincent hieß. Wenn das denn überhaupt sein richtiger Name war.

Mein Blick fiel auf den Zettel mit der Telefonnummer. Nein, nie im Leben könnte ich mich bei ihm melden. Allein bei dem Gedanken daran stieg Hitze in mein Gesicht. War ich wirklich so schamlos gewesen? Hatte ich tatsächlich gebettelt?

Bitte, lass alles wirklich nur einen Traum gewesen sein. Gleich würde ich aufwachen und alles wäre bestens.

Doch leider tat mir mein Leben diesen Gefallen nicht, stattdessen klingelte es an der Tür.

»Mara, mach auf. Ich bin es«, hörte ich Sandra rufen.

Sie war gerade die Letzte, die ich sehen wollte und es wäre auch eindeutig für ihr Wohlbefinden besser, wenn sie wieder verschwinden würde. Ich hatte eine Stinkwut auf sie.

Doch ich kannte meine Freundin und wusste, wie hartnäckig sie sein konnte. Außerdem ging ich davon aus, dass sie wusste, dass ich zu Hause war.

»Komm schon, Mara. Mach auf, ich habe auch Frühstück dabei und leckeren Kaffee«, bettelte sie.

Keine Entschuldigung dieser Welt könnte den gestrigen Abend wieder gut machen.

Missmutig stieg ich aus dem Bett und stöhnte leise auf. Mir tat wirklich jeder Muskel weh und eine dumpfe Ahnung beschlich mich, dass wir gestern noch andere Dinge angestellt haben mussten. Von ein wenig Sex hatte man doch keinen Muskelkater. Jedenfalls nicht von der Art, die ich bisher kannte und schätzte.

Als ich an mir herunter sah, wunderte ich mich zwar, dass ich meine Schlafshorts trug, hatte aber keine Zeit mir weitere Gedanken darum zu machen. Daran sie angezogen zu haben erinnerte ich mich nicht, doch das war nun auch egal, das Peinlichkeitslevel lag sowieso schon weit über meinem Limit. Außerdem endete meine Erinnerung auf dem Schoß von Vincent.

Schnell schob ich den Gedanken daran bei Seite, denn obgleich mich die ganze Situation gerade überforderte, begann mein Schoß zu pulsieren, sobald ich an ihn dachte. An einen Mann mit einer Maske, der mich in aller Öffentlichkeit gevögelt hatte. Oh Mara, was hast du nur getan?

Ich griff meinen Bademantel, mied den Blick in den großen Spiegel und schlich zur Tür.

»Guten Morgen, Sandra«, begrüßte ich meine Freundin und versuchte gar nicht erst gute Laune vorzutäuschen.

»Hey Mara«, erwiderte sie, trat ein und gab mir einen kleinen Kuss auf die Wange. Sie ging an mir vorbei in Richtung Balkon, riss die Türen weit auf und trat hinaus.

»Lass uns draußen frühstücken. Es ist schon richtig warm«, erklärte sie gut gelaunt. »Na komm schon, ich habe deinen Lieblingskaffee mitgebracht und auch Bagels, die du so magst. Nach der Nacht wirst du sie sicher brauchen.«

Hatte sie das eben wirklich gesagt?

Mit verschränkten Armen trat ich auf meinen Balkon, blieb allerdings stehen, während sie sich bereits setzte und ihre Sonnenbrille aufsetzte.

»Willst du nicht frühstücken?«, fragte sie völlig verblüfft und schien überhaupt nicht bemerkt zu haben, dass meine Laune im Keller und sie gleich Opfer eines Amoklaufes werden würde.

»Sag mal, sonst geht es dir aber gut, ja? Hast du sie nicht mehr alle? Kommst hier an als wäre gestern nichts passiert?«, polterte ich los. »Mich auf eine Party schleifen und dann an den nächstbesten Typen zu verhökern. Es hätte sonstwas passieren können.«

»Mara«, versuchte sie mich zu unterbrechen, doch ich ließ ihr keine Chance.

»Du wusstest genau was das für eine Party ist und dass ich auf sowas überhaupt nicht stehe. Wieso kennst du eigentlich sowas? Und wie kommst du drauf, dass mir sowas gefallen könnte?« Mit den Fingern machte ich jedes Mal imaginäre Gänsefüßchen.

»Mara«, wiederholte Sandra sich, dieses Mal ein wenig lauter. Doch ich reagierte noch immer nicht.

»Ich habe mich zum Gespött gemacht, ich habe einen mir fremden Mann gev …. wir hatten Sex und andere haben zugesehen. Himmel, wenn das die Runde macht, kann ich meinen Job verlieren.«

Dieses Mal schaffte sie es mich zu unterbrechen, denn Sandra war aufgestanden und hielt mir einfach den Mund zu.

»Würdest du jetzt bitte mal runterkommen. Denn dann könnte ich dir einiges erklären. By the way: du hast dich keineswegs zum Gespött gemacht, sondern eine sehr sehr sinnliche Vorstellung geliefert.«

Ich riss meine Augen auf, doch Sandra lachte nur, nahm allerdings ihre Hand noch immer nicht von meinem Mund. Stattdessen drängte sie mich zu einem der Stühle und drückte mich nach unten, so dass ich mich setzen musste.

»Du wirst mir jetzt mal zuhören und zwar ohne mich zu unterbrechen. Erst dann darfst du mir, wenn es denn nötig und gerechtfertigt sein sollte, weiterhin Vorwürfe machen. Nicke einfach, wenn du verstanden hast und einverstanden bist.«

Sie sagte dies in einem so entspannten Tonfall, wie ihn wahrscheinlich nur Psychopathen haben, wenn sie sicher waren, dass ihr Opfer keine Chance mehr hatte. Also nickte ich einfach und sie ließ von mir ab, setzte sich ebenfalls wieder.

»Du trinkst erstmal einen Schluck Kaffee und isst etwas, dann reden wir. Du bist im Normalzustand vor deinem ersten Kaffee nicht genießbar und nach gestern Abend noch viel weniger.«

Sie grinste dümmlich, mein Blick sollte sie töten, doch auch das funktionierte nicht.

 

Allerdings musste ich zugeben, dass die Welt mit einem Bagel im Bauch wesentlich entspannter aussah.

»Okay, dann wollen wir mal«, begann Sandra endlich. »Erstens war das gestern eine Rettungsaktion. Du verbarrikadierst dich seit Wochen hier in deiner Wohnung und putzt. Dabei gibt es nichts mehr zu putzen, es ist klinisch rein. Also musste ich als deine Freundin die Reißleine ziehen und dich zu Vernunft bringen. Die Einladung zu dieser Party habe ich tatsächlich von Steffie bekommen, die ich allerdings rein zufällig auf einem Datingportal im Internet wiedergetroffen hatte. Wir hegen … sagen wir mal … dieselben Vorlieben und ich dachte, dass nach den ganzen Pleiten in deinem Leben vielleicht genau da das Problem liegt. Du hattest bisher keinen richtigen Mann. Damit meine ich einen, der sich auch mal nimmt, was er möchte, dich dann aber trotzdem in seine starken Arme zieht und achtgibt, dass es dir gut geht.»

»Aber ich … «, wollte ich protestieren, doch sie hob nur eine Hand und ich verstummte, rollte als Ausdruck meines Protests aber immerhin mit den Augen.

»Fang gar nicht an zu leugnen, ich habe die Bücher unter deinem Bett gefunden.«

»Was … ?!«

»Schon gut, du musst nichts erklären«, wehrte sie meinen erneuten Einwand lapidar ab. »Also zurück zum Thema: hätte ich dir vorher erzählt, was das für eine Party ist, wärst du nie im Leben mitgekommen. Also musste eine kleine Ausrede her und so, wie ich das sehe, hat sich der Aufwand ja gelohnt. Du sahst noch nie so entspannt aus.«

»Bitte was? Ich bin nicht entspannt, ganz im Gegenteil. Das war eine Orgie, eine Sexparty! Ist sowas überhaupt legal?«

»Mara, wir leben im 21. Jahrhundert, natürlich ist das legal. Es fand ja schließlich nicht in einem öffentlichen Park statt. Alle Gäste haben eine Einverständniserklärung unterschreiben müssen, dass weder Foto noch Video gemacht werden und auch keine weiteren Informationen nach draußen gelangen. Warum glaubst du trugen alle Masken, hm?«

Auf die Idee war ich natürlich noch gar nicht gekommen und auch wenn mich ihre Aussage beruhigen sollte, sah ich mich in meinen schlimmsten Träumen in diversen Videos auf den verschiedensten Pornoseiten im Internet. Nicht, dass ich diese kannte oder je danach gesucht hätte.

Ich verbarg mein Gesicht hinter meinen Händen, linste aber durch zwei Finger hindurch zu Sandra.

»Aber ich hatte mit einem wildfremden Mann Sex, den du als „den Besten“ betitelt hast. War das ein Callboy?«

Sandra lachte und schüttelte nur mitfühlend den Kopf.

»Meine Güte, Mara. Glaubst du wirklich, ich würde dich einem Callboy überlassen? Du bist meine Freundin und mir sehr viel wert. Ich musste einfach etwas tun, damit du aus deinem tristen Grau herauskommst. Vincent ist kein Callboy, er war wie wir auch Gast auf der Party. Dass er gut ist, war nur eine Vermutung, um dir die Angst zu nehmen. Und anscheinend hat die Gerüchteküche ja Recht behalten«, grinste sie und nahm einen Schluck vom Kaffee.

Ich hingegen zog die Beine auf den Stuhl, umschlang diese mit meinen Armen und vergrub mein Gesicht dahinter. Leider hatte ich keinen Plan, wie ich mit der Situation umgehen sollte.

»Hat er mich nach Hause gebracht?«, wollte ich wissen, damit ich wenigstens diese Lücke in meinem Kopf schließen konnte.

»Ja, hat er. Aber ich war dabei. Ich war es auch, die dir das Kleid ausgezogen und die Shorts angezogen hat. Du warst zwar müde und völlig fertig, hast aber immerhin noch soweit mitgemacht.«

Ich nickte.

»Ist es seine Nummer auf dem Zettel?«

Sandra gluckste.

»Meine ist es nicht, falls du das meinst.«

»Ich kann mich unmöglich bei ihm melden. Gott, das ist so peinlich«, jammerte ich.

»Du hast ja einen Knall«, schimpfte Sandra los. »Natürlich wirst du dich melden. Er lässt dir schließlich nicht umsonst seine Nummer da. Du wärst schön blöd, wenn du diese Chance sausen lassen würdest. Er ist der begehrteste  … «, sie unterbrach sich und schaute mich fragend an. Augenscheinlich suchte sie nach der passenden Bezeichnung.

»… Mann auf der Party gewesen. Jede andere Frau würde sich die Finger lecken, wenn sie auch nur in seinen Dunstkreis käme.«

Mein Kopf ruckte nach oben, böse funkelte ich meine Freundin an.

»Du kennst ihn also doch genauer«, stellte ich fest und bemerkte zufrieden, dass Sandra meinem Blick nicht standhalten konnte. »Sag schon, wer ist er«, forderte ich sie auf und spürte, wie mein Ärger zurückkehrte.

»Oh nein, das musst du selbst herausfinden. Ich denke nicht im Traum dran dir zu helfen. Ich mag meinen Hintern zu sehr.«

»Sandra«, drohte ich, doch sie schüttelte den Kopf und grinste.

»Niemals, Süße. Aber ich kann dir sagen, dass du etwas verpasst, wenn du dich nicht mehr meldest.«

Mit dieser eher kryptischen Aussage erhob sie sich, beugte sich zu mir herunter und gab mir einen kleinen Kuss auf die Stirn.

»Ich muss jetzt los, erhol dich ein bisschen und mach dir nicht so viele Gedanken. Es ist alles bestens und ich bin total stolz auf dich, dass du gestern nicht gekniffen hast.«

»Was … ich«, setzte ich an, doch meine Gedanken sprangen wie Flummys in meinem Kopf umher. Es war zwecklos einen davon fangen zu wollen.

Also gab ich es auf und brachte Sandra noch zur Tür.