Eigentlich hatte ich noch so viele Fragen, war auf der anderen Seite jedoch furchtbar müde. Also beschloss ich ein langes Bad zu nehmen und mich zu entspannen. Ich ließ Sandras Worte noch einmal Revue passieren und bis auf ihre eher kryptische Aussage bezüglich ihres Hinterns hatte sie mit den meisten Punkten ja tatsächlich gar nicht so unrecht.

Meine bisherigen Männer konnten mir nie das geben, was ich eigentlich wollte. Was nicht deren Fehler war, sondern ganz allein meiner. Irgendwie hatte ich in dem Punkt kein gutes Händchen. Bis gestern eben …

Dass ich mich in meiner Wohnung verbarrikadierte stimmte leider Gottes ebenfalls. Seit dem Ende meiner letzten Beziehung waren inzwischen fünf Monate vergangen, die ich mit Putzen und Seifenopern zugebracht hatte, wenn ich denn nicht im Laden stand oder Entwürfe für Kleider zeichnete, die ich ein paar Stunden später unzufrieden in den Müll warf.

Ich arbeitete in einem Fachgeschäft für Braut – und Festkleider eines namenhaften Designers. Doch auch eigens entworfene Modelle meiner Chefin waren zu bekommen, diese entsprachen dann aber eher der Kategorie Alltagsgarderobe für gehobene Wünsche. Wenn die davon Wind bekäme, was ich gestern getan hatte, wäre ich den Job vermutlich los. Meine Chefin lief sowieso schon mit einem Stock im Arsch herum und ich musste das einzige Tattoo, welches ich besaß, täglich mit Camouflage abdecken. Dabei sah man es nichtmal, denn es befand sich auf meinem rechten Schulterblatt. Sie hatte es einmal durch Zufall gesehen und bestand nun darauf.

Ich stellte das Badewasser an, gab etwas Duftöl hinzu und ging zurück ins Schlafzimmer, um ein großes Badetuch und ein Buch zu holen. Ablenkung war jetzt genau das Richtige. Als ich allerdings danach greifen wollte, fiel mir Vincents Maske samt Telefonnummer ins Auge.

Was dachte er nur von mir und warum sollte ich mich bei ihm melden? Ich dachte die Leute, die auf diese Art Party standen, waren froh, dass es keinen Kontakt im realen Leben gab, man ja nichtmal wirklich wusste, wie der andere aussah, es vermutlich auch gar nicht wissen wollte.

So eine kleine Maske veränderte das Aussehen komplett. Siedend heiß fiel mir ein, dass er mein Gesicht ja durchaus kannte, ich dafür aber seines nicht. Am besten ich setzte einen klaren Schlussstrich und machte ihm klar, dass er mehr von mir nicht zu erwarten brauchte. Sandras Versprechen hin wie her.

Also speicherte ich seine Handynummer ab und wechselte zum Chat.

 

Mara

Hallo, hier ist Mara,

Vielen Dank für gestern, es war sehr nett von dir, dass du mich nach Hause gebracht hast. Alles Gute für dich.

 

Das klang doch höflich, aber nicht unfreundlich, fand ich. Hoffentlich sah er das nur nicht als Aufforderung, dass ich mehr von ihm wollte. Auch wenn Sandra in dem Punkt anderer Meinung war, für mich war das Thema hiermit beendet.

Ich schaltete meine Lieblingsplaylist ein, schnappte mir mein Buch und verschwand ins Bad.

 

Das heiße Wasser tat Wunder und schon nach wenigen Minuten begann ich mich zu entspannen. die Musik lullte mich ein und ich musste achtgeben, dass ich nicht einschlief. So liebte ich mein Leben, ruhig und friedlich, für mich allein.

Gerade, als ich untertauchen wollte, wurde die Musik leiser und ein leises Pling verkündete den Eingang einer Nachricht. Kurz überlegte ich es zu ignorieren, doch vielleicht waren es Sandra oder meine Kollegin.

 

Vincent

Das habe ich sehr gern gemacht. Warum werde ich nur das Gefühl nicht los, dass das gerade eine Abfuhr war?

 

Das glaubte ich ja jetzt wohl nicht! Der Typ antwortete mir? Bis eben war ich davon ausgegangen, dass er die Nummer nicht aus Mildtätigkeit oder dem Wunsch nach einem Wiedersehen dagelassen hatte. Vielmehr glaubte ich an ein schlechtes Gewissen und dass er ebenso wie ich die Hoffnung hegte, der andere möge sich bitte lieber nicht melden.

Das jetzt passte allerdings so gar nicht. Ich beschloss es zu ignorieren, denn er schien immerhin zu begreifen und meine Nachricht korrekt zu interpretieren.

Das Handy legte ich zurück auf den Badewannenrand, stellte vorher jedoch die Benachrichtigungen des Chats aus, dafür die Musik ein wenig lauter und tauchte unter. In der Hoffnung, sämtliche Erinnerung an gestern abgespült zu haben, kletterte ich nach einer Stunde aus der Wanne, fühlte mich nur keineswegs besser.

Ich würde wohl oder übel den Abend als „geschehen ist geschehen“ ablegen müssen, das sah ich nun auch ein.

 

Zum Glück war meine Chefin für eine Woche im Urlaub und so mussten meine Kollegin und ich den Laden allein schmeißen, was für gewöhnlich wesentlich entspannter ablief.

Allerdings beschlich mich eine Vorahnung, dass wenn mein Kopf und meine Hände nicht ausreichend zu tun bekämen, meine Gedanken in die letzte Nacht zurückreisten … zum besten Orgasmus meines Lebens. Was brachte es diese Tatsache zu leugnen. Es war einfach so.

Woran es lag, wollte ich lieber nicht wissen. Vielleicht daran, dass es ein quasi fremder Mann war, mit dem ich gevögelt hatte oder dass wir Zuschauer hatten? Beides trieb mir sofort wieder die Schamesröte ins Gesicht und ich versuchte die Gedanken daran abzuschütteln und mich auf die kommenden Tage zu konzentrieren.

Um auch nichts für Montag zu vergessen, denn ich schloss den Laden morgens auf, schaute ich in den Kalender meines Handys, als eine weitere Nachricht einging.

 

Vincent

Okay, das war wohl wirklich eine Abfuhr.

 

Vincent

Hallo?

Wirklich? Ich fand den Abend auch sehr nett und dachte, wir könnten das wiederholen.

 

Vincent

Mara? Ist alles okay? Habe ich etwas Falsches gesagt. Melde dich bitte!

 

Hatte der Mann keine Hobbies oder andere Frauen, die er mit Nachrichten zutexten konnte? Was sollte das denn? Damit mein Handy bis Montag früh nicht an Dauerbelastung sterben müsste, beschloss ich Vincent doch noch einmal zu antworten.

 

Mara

Hallo Vincent,

natürlich ist alles okay. Der Abend war nett, aber eine Wiederholung wird es nicht geben, was sicher auch in deinem Interesse ist. Kannst du meine Nummer auch bitte wieder löschen? Danke.

 

War das direkt genug?

 

Vincent

Warum sollte ich deine Nummer löschen? Ich denke im Traum nicht dran, stattdessen denke ich da an ganz andere Sachen … an gestern Nacht zum Beispiel, du auf meinem Schoß … ich will!! dich wiedersehen.

 

Ja klar, bis du auf der nächsten Party eine andere Frau abschleppst, dachte ich und löschte den gesamten Chat und auch seine Nummer. Wollen konnte er ja vieles, aber nicht mit mir.