»Guten Morgen, Mara. Hattest du ein schönes Wochenende?«, begrüßte mich meine Kollegin Judith, als sie montags zwei Stunden nach mir den Laden betrat. Da unsere Chefin im Urlaub war, konnten wir uns eine lockerere Gangart erlauben, den Dresscode … weiße Bluse, schwarzer Rock, schwarze Pumps … mussten wir dennoch einhalten. Wir sollten den Damen, die in den Laden kamen, schließlich nicht die Show stehlen. Die Kundin sollte im Vordergrund stehen. Warum wir dann allerdings stets und ständig wie ein verkleideter Pinguin herumlaufen mussten, erschloss sich mir auch nach den drei Jahren, die ich hier arbeitete, nicht.

Ich schreckte aus meinen Gedanken hoch, die natürlich mal wieder bei der Party gelandet waren.

»Was? Wieso?«, fragte ich beinahe panisch, bis mir Judiths Blick auffiel, die mich ebenso entgeistert ansah. Meine Güte, ich musste endlich diesen Abend aus meinem Kopf bekommen. Judith hatte sich nur nach meinem Wochenende erkundigt und ich sah schon überall Gespenster.

»Entschuldige, ich war in Gedanken ganz woanders«, redete ich mich heraus, setzte dann ein Lächeln auf. »Ich hatte ein sehr nettes Wochenende, ruhig und entspannt. Und du?«, log ich.

»Ja, ich auch. Wir waren am Samstag in dem neuen Café in der Innenstadt frühstücken. Das ist echt nett, solltest du mal probieren«, begann sie auch sofort zu erzählen.

Judith war ein Sonnenschein, kam mit jeder Kundin klar und würde es wohl auch schaffen jemandem einen Kartoffelsack als Designerstück zu verkaufen. Sie war immer gut gelaunt, höflich und trug unser Arbeitsoutfit mit einer Grazie, als wenn es ihr Armani persönlich auf den Leib geschneidert hätte.

Ich hingegen war da genau das Gegenteil. Durch meine etwas weiblicheren Rundungen saß der Rock natürlich auch ein wenig enger und in meiner Freizeit würde ich wohl nie im Leben auf die Idee kommen und Klamotten dieser Art tragen. Ich mochte Hosen, gern auch eng, lang oder kurz. Nur mussten es Hosen sein. Dazu konnte ich bevorzugt Shirts in Übergröße anziehen, die waren bequem und sehr zu meiner Freude auch noch modern. Natürlich befanden sich hier im Laden auch ein paar Stücke, die mir sehr gut gefallen würden, zugeben würde ich das aber erstens sicher nicht und zweitens fehlten mir einfach die Gelegenheiten diese zu tragen.

»War heute schon viel los?«, fragte Judith, als sie uns zwei Kaffee zubereitet hatte.

»Nein, ist doch Montag, da dauert es immer ein wenig und Termine haben wir erst am Nachmittag«, erwiderte ich beiläufig und schielte zum tausendsten Mal auf mein Handy. Keine weitere Nachricht.

Ich ärgerte mich über mich selbst und schimpfte mich eine Idiotin, schließlich wollte ich es doch so. Welchen Grund sollte Vincent also haben sich noch einmal zu melden?

Missmutig ließ ich das Handy in die Handtasche gleiten und beschloss den restlichen Tag nicht weiter nachzuschauen.

»Ich geh dann mal nach hinten und schau, was noch so zu tun ist«, meinte Judith und ich nickte. Auch ich hatte die Zeit heute morgen genutzt und war ein paar meiner Entwürfe durchgegangen, die ich in nächster Zeit vielleicht mal in Angriff nehmen könnte. Wirklich zufrieden war ich jedoch nicht.

Da einige der Kundinnen natürlich nicht in die Größen der Designer passten, boten wir eine Änderungsschneiderei an. Zudem entwarf unsere Chefin auch selbst Mode, so konnte sie das eine mit dem anderen gut verknüpfen. Im hinteren Teil des Ladens hatte sie sich ein kleines Atelier eingerichtet, in dem wir auch die Stücke, die zur Änderung hereinkamen, aufbewahrten und umnähten.

Eigentlich war dies auch mal mein Traum gewesen: ein eigener Laden und meine eigenen Modelle. Doch so wie es aussah, würde ich wohl noch eine ganze Weile brauchen, bis ich überhaupt daran denken könnte. Mein netter Erzeuger hatte mir einen Berg Schulden hinterlassen, den ich nun abzahlen durfte. Dadurch musste ich schon mein Design-Studium vorzeitig beenden und mir einen Job suchen.

Doch hier konnte ich immerhin meine Leidenschaft mit dem Nützlichen verbinden und sogar ab und an die Nähräume für meine Zwecke nutzen. Nur verkaufen durfte ich meine Modelle nicht, mal davon abgesehen, dass bisher auch nicht wirklich etwas dabei gewesen wäre, was mir jemand aufkaufen hätte wollen. Auch wenn Sandra jeden Entwurf ausgiebig bejubelte und mir versprach, als Modell zur Verfügung zu stehen. Trotz aller Rückschläge war ich aber noch immer der festen Überzeugung, dass ich es schaffen und irgendwann ein eigenes Label haben würde.

 

Als die Glocke über der Tür leise bimmelnd die erste Kundin ankündigte, streckte ich meinen Rücken durch, strich noch einmal den Rock glatt und ging nach vorn.

Eine Dame mittleren Alters sah sich suchend um.

»Guten Tag und Herzlich Willkommen. Kann ich Ihnen schon behilflich sein?«, betete ich meine übliche Eingangsfloskel herunter. Das obligatorische Verkaufslächeln beherrschte ich im Schlaf.

»Ja, hallo«, begrüßte auch sie mich freundlich. »Ich hatte da eben im Schaufenster ein Kleid gesehen und wollte schauen, ob es in meiner Größe da ist.«

»Sie meinen das dunkelblaue Etuikleid?«, hakte ich nach und ging an ihr vorbei nach vorn.

»Ja genau. Haben Sie es denn da?«

»Die Stücke werden extra angefertigt, aber wir haben jeweils Probegrößen da. Ich werde mal nachsehen. Sie tragen Größe 36?«

Sie nickte und ich klopfte mir mal wieder auf die Schulter ob meines guten Augenmaßes.

»Bin gleich wieder da«, sagte ich und ging nach hinten, um unseren Lagerbestand zu prüfen.

 

Dieses Kleid war aus der neuen Kollektion meiner Chefin und es sah wirklich traumhaft aus. Der Kundin würde es sicher gut stehen, denn sie war recht groß und schlank und die Raffungen  im vorderen Bereich lenkten den Blick sicher auf ihre schmale Taille. Entschied sie sich dafür, müsste sie allerdings ein paar Wochen warten, denn es waren nunmal Maßanfertigungen, die von meiner Chefin und drei weiteren Mitarbeiterinnen genäht wurden. Judith und ich durften nur die Änderungen vorhandener Stücke vornehmen.

Ich griff nach der passenden Größe, wollte eben nach vorn treten, als ich eine mir bekannte, männliche Stimme hörte und augenblicklich stehen blieb. Schnell versteckte ich mich hinter einem Kleiderständer mit langen, bunten Festkleidern und versuchte wie ein Spion etwas zu erkennen, ohne dass ich erkannt wurde.

Das konnte es doch nicht geben!

»Muss das denn jetzt sein? Hattest du nicht ein ähnliches Kleid erst letzten Monat zu einer  Geburtstagsparty an?«, hörte ich den Mann fragen. Es war kein nörgelnder Unterton, er zog sie eher auf.

»Ihr Männer habt davon überhaupt keine Ahnung«, erwiderte die Frau. »Das andere Kleid war blassrosa und hatte keine Raffungen. Wo bleibt nur die Verkäuferin?«

»Es ist gerade einmal zehn Uhr am Montag, ich habe mir freigenommen, weil ich mit dir frühstücken gehen wollte«, ermahnte er sie und der Unterton in seiner Stimme ließ mich zusammenzucken. Das war kein Mann, dem man widersprechen sollte, das hatte ich auch schon am Freitag sehr schnell bemerkt. Seine Begleiterin schien dies aber nicht zu stören.

»Ach hör doch auf«, lachte sie und schlug ihm spielerisch auf den Arm.

Das waren eindeutig zu viele Informationen und ein Grund mehr sich weiterhin zu verstecken.

 

Ich musste also versuchen ungesehen in die hinteren Räume zu kommen und Judith bitten das Gespräch weiter zu führen. Unmöglich konnte ich ihm unter die Augen treten. Das Risiko doch erkannt zu werden, war mir einfach zu hoch. Also schlich ich hinter den Kleiderständer hindurch zu Judith.

»Kannst du für mich die Kundin übernehmen?«, fragte ich geradeheraus.

»Was?«

Natürlich sah mich meine Kollegin verständnislos an.

»Ähm, ich glaube, sie mag mich nicht und will eines der Kleider der Chefin. Du kannst das wesentlich besser«, suchte ich nach einer Ausrede. »Bitte«, schob ich nach.

»Na meinetwegen«, erwiderte Judith schulterzuckend und schnappte sich das Kleid.

Ich schlich leise hinterher und brachte mich wieder in Position hinter einem der Kleiderständer.

 

Judith begrüßte die Kundin, stellte sich kurz vor und ließ sie das Kleid probieren, was noch nicht ganz perfekt zu sitzen schien, doch es würde ja sowieso für sie angefertigt werden.

»Wo ist denn ihre Kollegin plötzlich hin?«, fragte diese natürlich nach.

»Sie bekam einen dringenden Anruf«, log Judith professionell und ohne mit der Wimper zu zucken.

»Buh«, hörte ich plötzlich eine Stimme hinter mir und zuckte zusammen, so dass ich beinahe in die Kleider gefallen wäre. Die Bügel klirrten aneinander, doch zum Glück bemerkten Judith und die Kundin es nicht.

»Großer Gott, Sie haben mich erschreckt. Was schleiche Sie denn hier so herum?«, maßregelte ich ihn und vermied bewusst den Blick in seine Augen.

Er grinste mich an, legte den Kopf ein wenig schief und schien zu überlegen.

»Suchen Sie denn etwas?«, hakte ich nach und versuchte nun so zu tun, als wäre er ein ganz normaler Kunde.

»Nein, mir war nur langweilig und da dachte ich, ich schlendere ein wenig herum. Dass ich dich hier finden würde, hätte ich nicht erwartet. Ein schöner Zufall, zumal dein Handy wohl kaputt ist. «

Dieser Arsch hatte mich am Wochenende gevögelt und ging nun mir nichts, dir nichts mit seiner Freundin oder sogar Frau shoppen und flirtete ungeniert weiter?

Den Einwand bezüglich meines Handys ignorierend, tat ich so, als wenn ich die Kleider wieder unbedingt in Ordnung bringen müsste.

»Dann schauen Sie sich ruhig um, vielleicht finden Sie ja etwas, was ihrer Freundin noch gefallen könnte.« Damit lächelte ich ihn an und ging zu einem der Regale, in der die Brautschuhe zu finden waren und sortierte diese neu.

Leider hatte ich nicht mit seiner Hartnäckigkeit gerechnet, doch er kam mir tatsächlich hinterher.

»Du musst gar nicht so tun, als wenn wir uns nicht kennen würden. Ich weiß sehr wohl noch wie du betteln kannst«, flüsterte er mir ins Ohr, was mich erneut zurückweichen ließ. Ich musste mich mehr als nur zusammenreißen, um ihm nicht eine Ohrfeige zu verpassen. Die Gänsehaut, die mir sofort den Rücken hinunter lief, versuchte ich zu ignorieren.

»Nein, ich habe leider keine Ahnung, wovon Sie sprechen. Sie müssen mich verwechseln«, antwortete ich so herablassend wie nur möglich. »Wenn Sie mich also bitte entschuldigen würden, ich habe noch zu tun und ihre Freundin ist sicher auch bald fertig mit der Anprobe.«

Damit schob ich mich an ihm vorbei nach hinten in das Nähzimmer und schloss die Tür, ließ mich dagegen sinken.

Das konnte es doch wohl nicht geben! Warum zog nur immer ich diese Deppen an? Mein Bauchgefühl hatte also recht gehabt, indem ich ihn aus meinen Kontakten gelöscht hatte.

Doch leider musste ich zugeben, dass er so ohne Maske noch um einiges besser aussah, zumal mir seine stechend blauen Augen jetzt erst richtig auffielen. Die blonden Haare trug er wie auch am Freitag kurz, mit ein wenig Gel in Form gezupft. Heute jedoch hatte er eine lässige Jeans, ein Shirt und eine braune Lederjacke darüber, was ihm genauso gut stand wie der Anzug.

Was allerdings rein gar nichts an der Tatsache änderte, dass er fremdvögelt und somit ein Arschloch war.