»Sag mal, was war das denn gerade?«, wollte Judith natürlich wissen, als sie die Kundin verabschiedet hatte und zurück ins Nähzimmer kam.
»Ach gar nichts. Du kannst sowas eben besser«, redete ich mich heraus. »Irgendwie hatte ich keinen Draht zu der Kundin.«
»Nein, das meine ich doch nicht. Der Typ eben … hat der dich angesprochen? Man, der sah aber auch heiß aus. Kennst du ihn denn?«, witzelte sie.
»Nein, ich glaube ihm war nur langweilig und da hat er mich angesprochen«, log ich.

Eigentlich kannte ich schon viel zu viel von ihm dachte ich so bei mir und merkte, wie erneut Hitze in mein Gesicht stieg. Bilder vom Wochenende schoben sich mal wieder in den Vordergrund und dieses Mal wurde ich sie nicht los. Denn nun kannte ich ein Gesicht zu dem Mann und das machte es keineswegs einfacher.
»Ich bin mal kurz für kleine Mädchen«, wechselte ich schnell das Thema und verließ eilig den Raum.«
Auf der kleinen Toilette ließ ich kaltes Wasser über meine Handgelenke laufen und tupfte vorsichtig über mein Gesicht, um das Make-up nicht zu ruinieren.

Dass ich mit einem liierten Mann Sex auf einer Party hatte, konnte ich nicht rückgängig machen. Schließlich hatte ich keine Ahnung, dass er vergeben ist. Allen weiteren Kontakt könnte ich aber unterbinden, tat ich ja bereits. Sollte er sich dennoch melden, müsste ich ihn eben blockieren.
Als ich zurück zu Judith kam, trug diese gerade ein paar Daten in unseren Bestellkalender ein.

»Hat die Kundin das Kleid genommen?«
»Ja, sie sah aber auch perfekt darin aus. Sie kommt nächste Woche noch einmal vorbei, wenn die Chefin wieder da ist. Vielleicht bringt sie ja wieder ihren Begleiter mit.«
»Ja, mal schauen«, wiegelte ich ab und überlegte tatsächlich nach einer Ausrede, um vielleicht an genau diesem Tag nicht da sein zu müssen.
»Ich bin nächste Woche im Urlaub, du musst das also sowieso übernehmen. Es sei denn, Chefin macht es tatsächlich mal selbst, bei ihren eigenen Modellen ist sie ja sehr komisch.«
Meine Chancen sahen also eher dürftig aus. Nun konnte ich nur hoffen, dass die Kundin beim nächsten Mal allein käme.

Der Rest des Tages verlief zum Glück entspannt und als der Feierabend nahte, war meine Laune auch schon wieder im oberen Bereich. Ich würde die letzten Sonnenstrahlen auf meinem Balkon ausnutzen und noch ein Glas Wein trinken. Morgen müsste ich erst gegen zehn Uhr im Laden sein, Judith würde die Frühschicht übernehmen und aufschließen. Dafür müsste ich natürlich auch bis zum Ende, also neunzehn Uhr bleiben. Doch mit diesem Kompromiss konnte ich gut leben.

Kaum saß ich allerdings daheim auf meinem Balkon, vibrierte mein Handy. Da ich davon ausging, dass es Sandra war, wollte ich es auch nicht ignorieren und sah nach, was sich als böser Fehler entpuppte.

Na wenn das heute mal kein Wink des Schicksals war.

Der hatte ja wirklich Nerven mir jetzt noch zu schreiben.

Mara
Wie man es nimmt. Ich denke deine Freundin wäre nicht so erfreut darüber. Und nun lösch meine Nummer. Danke.

Doch keine zwei Minuten später vibrierte es erneut.

Wenn du die Frau meinst, mit der ich rein zufällig bei dir im Laden war, dann liegst du völlig falsch. Sie ist nicht meine Freundin.

Ja genau und die Erde ist eine Scheibe.

Ich löschte erneut den Chat, blockierte seine Nummer und war sehr zufrieden mit mir. Wenn ich doch nur seine Stimme vergessen könnte und auch das wohlige Kribbeln, welches sich allein bei der Erinnerung daran einstellte.

Wie von selbst glitt meine Hand nach unten und fand den Weg in mein Höschen. Da ich daheim meist bequeme Kleidung trug, war es ein Leichtes. Ich war bereits feucht, ohne dass ich auch nur eine Fingerbewegung getan hatte. Das allein schaffte die Erinnerung an ihn. Es war mir unsagbar peinlich, doch ich konnte nicht aufhören und ohne weiter darüber nachzudenken, ließ ich meine Finger kreisen. Ich legte den Kopf in den Nacken, genoss das wohlige Gefühl und die Lust, die sich immer stärker aufbaute. Mit zwei Fingern tauchte ich in mich ein, um noch mehr der Nässe auf meiner Klitoris zu verteilen. Schneller und schneller tanzten meine Finger über mein Lustzentrum, die Wellen schlugen immer höher und nur Minuten später kam ich in einem sich endlos anfühlenden Höhepunkt. Auf meiner Terrasse. Einfach so.

Zum Glück wohnte ich im Dachgeschoss, mich konnte also niemand beobachten und ich hatte mich hoffentlich bemüht leise zu sein. Schnell nahm ich einen großen Schluck meines Weines, der noch besser schmeckte als zuvor. Das war überhaupt nicht verwerflich, redete ich mir ein. Schließlich dachte ich sonst an irgendeinen Schauspieler oder Sänger, was auch nicht besser war. Vincent würde ich genauso wenig besser kennenlernen. Also war es doch eigentlich egal, oder? Trotzdem nahm ich mir fest vor, ihn aus meinem Kopf zu verbannen.

Leider funktionierte dieser Vorsatz bei Träumen nur mäßig gut und als ich am nächsten Morgen schweißgebadet erwachte, lag das sicher nicht an den schwülwarmen Nachttemperaturen in meinem Dachgeschoss.
Es war wieder Vincent gewesen, doch dieses Mal lag ich gefesselt auf meinem Bett und er machte Dinge mit mir, die ich jetzt bei Tageslicht furchtbar fand, die mich allerdings noch immer erregten. Das Klopfen in meinem Schoß war eindeutig und nicht falsch zu deuten. Was war nur aus mir geworden? Da genügte eine Nacht und meine Selbstbeherrschung lag in Scherben vor mir. Das musste sofort aufhören.

Also zog ich voller Tatendrang meine Laufschuhe an und drehte eine Runde im Park vor meiner Tür. Danach war ich zwar ausgepowert, sein Gesicht in meinem Kopf wurde ich dennoch nicht los.
Ich würde es wohl oder übel aussitzen müssen. Schließlich soll man sich seinen inneren Dämonen ja stellen, erst dann würden sie auch verschwinden.
Sollte ich also vielleicht einfach mal nach einem anderen Mann dieser Kategorie suchen? Gab es dafür nicht diverse Foren im Internet?
Oder musste ich nur Sandra fragen? Sie schien da ja ein wenig mehr Erfahrung zu haben. Das hieße aber, dass ich mich quasi outen und somit zwangsläufig zugeben müsste, dass mir die Party am Wochenende gefallen hatte. Wollte ich das? Jetzt schon?
Erstmal brauchte ich ein paar mehr Informationen, die Bücher unter meinem Bett genügten mir nicht. Zumal ich bei einigen doch sehr am Zweifeln war, dass der Inhalt auch nur im Entferntesten der Realität entsprach. Außerdem hatte ich mich bisher mit diesem Thema so überhaupt nicht auseinander gesetzt, es gab ja auch keinen Grund namens Vincent.