Zu meinem großen Glück hatten wir heute im Laden gut zu tun. Es waren mehrere Termine zur zweiten Brautkleid – Anprobe vereinbart worden und auch an Laufkundschaft mangelte es nicht. Eigentlich waren die Kundinnen angehalten vorher anzurufen und Termine auszumachen, doch natürlich schickten wir niemanden weg. Zumal wir ja nicht nur Braut-und Abendmoden verkauften, sondern auch Designer-Businesskleidung und feinere Damengarderobe.
Als Judith Feierabend machte, hatte ich noch zwei Stunden vor mir und wollte diese im Nähzimmer verbringen. Fürs erste waren alle Termine abgehakt, sollte wirklich noch eine Kundin kommen, würde ich dies ja hören.
Doch statt mich an meine Entwürfe zu setzen, klappte ich den Laptop auf und gab ein paar Stichworte in die Suche ein: Dominanz, Unterwerfung, Schmerz, Lust, was mir gerade so zum Thema einfiel. Ich hoffte so einen guten Einstieg zu finden und wollte mich einfach mal durch die Beiträge auf den Seiten klicken. Leider entsprachen die Ergebnisse aber so gar nicht meinen Wünschen und gerade, als ich den Laptop angewidert zuklappte, ertönte die Türglocke. Also sammelte ich meine weit zerstreuten Gedanken ein und ging nach vorn.

»Hallo und Herzlich Willkommen bei uns. Was ka … «, der Rest des Satzes blieb in meiner Kehle stecken. Denn da stand keine neue Kundin, sondern Vincent.
»Hey Mara«, begrüßte er mich ernst. Kein Lächeln, nichts.
Ein kalter Schauer lief mir den Rücken herunter und instinktiv wich ich ein paar Schritte nach hinten.
»Was willst du denn hier? Hat deine Freundin etwas vergessen?« Den sarkastischen Unterton konnte ich mir leider nicht verkneifen.
Vincent kam langsam wie ein Raubtier auf mich zu, ich wich weiterhin zurück, bis ich gegen einen Kleiderständer mit weißen Jäckchen stieß. Gerade noch so konnte ich einige davon vom Runterfallen bewahren.
»Du hast mich blockiert«, stellte er fest.
»Ja, weil ich denke, dass deine Freundin es nicht gern sieht, wenn du mit anderen Frauen … ähm … chattest.«
»Was habe ich dir gestern bereits gesagt?«, fragte er mit schneidendem Unterton. Inzwischen stand er direkt vor mir und konnte mein Herz sicher klopfen hören. Gerade machte er mir gehörig Angst, komischerweise war ich aber dennoch sicher, dass er mir nichts tun würde. Adrenalin rauschte durch meine Ohren, als ich mich an die Textnachrichten zu erinnern versuchte. Doch mein Kopf war wie leergefegt.
Also blieb ich stumm.
»Soll ich sie dir noch einmal vorlesen? Deiner Erinnerung auf die Sprünge helfen?«, hakte er nach.
Ich schüttelte wie wild den Kopf, starrte ihn an.
»Muss ich auch nicht, denn stell dir vor, ich habe sie im Kopf«, begann er und wich einen Schritt von mir weg. Ich sackte beinahe zusammen und wenn Vincent mich nicht am Ellenbogen gefasst hätte, wäre ich wohl zu Boden gegangen.
Dennoch machte ich mich frei und verschränkte die Arme vor der Brust.
»Ich habe dir gestern schon gesagt, dass es nicht meine Freundin ist und ich lüge nicht. Niemals. Und wenn du dich an die Party erinnern kannst … und das kannst du ganz sicher … dann habe ich auch da schon erwähnt, dass es für mich immer nur eine Frau gibt, die ich weder teile, noch anderen Männern zur Verfügung stelle oder vorführe.«
»Pah«, brach es aus mir heraus. »Und was war das dann am Freitag? Du hast mich vor versammelter Mannschaft gepo … wir hatten Sex.«
»Ja und es hat dir gefallen. Du hattest Sex mit mir und magst es anscheinend, wenn Zuschauer dabei sind. An ein Nein oder Stopp deinerseits kann ich mich nicht erinnern.«
»Als wenn du darauf reagiert hättest.«
Leider war der Satz schneller raus als geplant, Vincents Gesicht sprach Bände.
»Ich und auch alle anderen Männer auf dieser oder einer anderen Party dieser Art würden immer auf ein Nein hören. Immer, verstehst du? Alles andere wäre Missbrauch und das ist nicht, was wir wollen. Wer auch immer dir so einen Mist erzählt hat, vergiss es ganz schnell wieder.«
»Nein, tut mir leid«, ruderte ich zurück. »So sollte das gar nicht rüberkommen.«
Vincent nickte, schien dennoch nicht zufrieden.

Ein paar Minuten standen wir uns einfach nur so gegenüber, keiner sagte ein Wort. Ich starrte verlegen zu Boden, seinen Blick spürte ich dafür umso deutlicher auf mir. Schweiß lief mir den Rücken hinunter, ich wollte einfach nur raus aus dieser Situation, fand aber keinen Einstieg.
»Können wir dann vielleicht von vorn anfangen?«, fragte er und ich konnte das Lächeln in seiner Stimme hören.
Doch plötzlich fielen mir all die Bilder ein, die ich eben im Internet gefunden hatte. Wenn Vincent auf sowas stand … dann … Oh Gott! Mir wurde übel. Niemals konnte oder wollte ich ihm das bieten. Also nahm ich all meinen Mut zusammen, unterdrückte die Tränen der Wut und des Frustes darüber, schon wieder den falschen Kerl kennengelernt zu haben und antwortete mit halbwegs sicherer Stimme:
»Ich glaube nicht, dass das eine gute Idee wäre. Du stehst anscheinend auf Dinge, die ich ganz sicher nicht mag und auch nie mögen werde. Es bringt also rein gar nichts, wenn wir uns Hoffnung auf irgendwas machen, was von vornherein zum Scheitern verurteilt ist.«
Mit seinen blauen Augen fixierte er mich, konnte scheinbar nicht fassen, was ich da sagte. Doch schon im nächsten Augenblick änderte sich seine Mimik.
»Wir haben bisher doch gar nicht über meine Vorlieben gesprochen? Wie kannst du also wissen, was ich mag und ob du es nicht vielleicht auch magst. Dass du dich mir auf der Party hingegeben hast, war doch schon ein sehr guter Anfang. Aber lass mich raten, du warst im Internet unterwegs und hast recherchiert? Oder du liest einschlägige Bücher? Ich wette, du warst gerade dabei, als ich den Laden betrat.«

Er hatte den Satz noch nicht beendet, als er nach Hinten ins Nähzimmer lief. Ich hatte die Türen natürlich offen gelassen, konnte ja nicht ahnen, dass er in den Laden kommen würde. Somit wies ich ihm also auch noch den Weg. Bevor ich überhaupt reagieren konnte, war er bereits am Laptop und klappte diesen auf.
»He, du kannst doch nicht einfach … «, protestierte ich, doch es war zu spät und ein wissendes Lächeln umspielte seine Lippen.
»Bingo«, kommentierte er seinen Fund.
Bei ihm angekommen, klappte ich den Computer zu und ließ meine Hand bestimmend auf diesem liegen.
»Das ist privat und du hast kein Recht einfach in unsere Geschäftsräume zu laufen«, wies ich ihn zurecht und versuchte bewusst auf geschäftlicher Eben zu bleiben.
»Mara, das, was du da gefunden hast, ist mit Absicht übertrieben und entspricht in den seltensten Fällen der Realität. Das Internet lebt doch von reißerischer Berichterstattung. Und selbst wenn, es zeigt einen Bruchteil des Ganzen. Kein Mensch fordert, dass du es auch magst.«
»Das weiß ich doch, ich bin nicht blöd. Ich wollte doch nur ein paar grundsätzliche Infos, weil … weil … ich da eben gerade ein Buch gelesen hatte und wissen wollte, ob das tatsächlich so abläuft und so. Und wegen der Party am Wochenende und überhaupt … «, suchte ich nach einer passablen Ausrede, die mir leider absolut nicht einfallen wollte.
»Es gibt Seiten, die wirklich gut informieren und auch Foren, in denen man sich austauschen kann. Aber bitte nicht über irgendeine große Suchmaschine und so allgemeine Begriffe. Außerdem ist es immer besser jemanden zu fragen, der sich damit auskennt.« Er zwinkerte mir schelmisch zu, schien immerhin nicht mehr sauer zu sein.
»Es interessiert mich ja auch gar nicht wirklich. Also nicht für mich, nur wegen des Buches … «, stammelte ich weiterhin. Meine Güte, ich sollte am besten den Mund halten.
Dies schien auch Vincent so zu sehen, denn er konnte sich nunmehr ein Lachen kaum verkneifen.
»Was ist daran so witzig«, fragte ich missmutig nach, verschränkte trotzig die Arme vor der Brust.
»Ach nichts«, winkte er ab. »Ich denke, ich lass dich und dein Nicht-Interesse dann mal allein.«
Damit ging er um mich herum zur Tür, durch den Laden hindurch und schon hörte ich die Türklingel, wollte gerade erleichtert ausatmen, als ich ihn nochmal rufen hörte.
»Mara?«
»Ja?«
»Sieh zu, dass dein Handy mich nicht mehr ignoriert. Sonst stehe ich demnächst wieder hier.«
Damit fiel die Tür zu und ich ließ mich auf den Stuhl plumpsen.