Lea

Himmelherrgott, das konnte es doch nicht geben! Wo zum Teufel war ihre schwarze Hose nur hin?! Lea war zu hundert Prozent sicher, sie genau da auf den roten Ohrensessel gelegt zu haben. Gestern nach dem Bügeln, bei dem sie sich zudem noch die linke Hand verbrannt hatte, weil Arthur, ihr Kater, unvermittelt auf das Bügelbrett sprang und sie ihn hinunterscheuchen musste, damit er sich nicht das Fell versengte.

Die Stelle war rot und schmerzte noch immer, auch wenn Lea sofort danach die Hand unter kaltes Wasser gehalten und für die Nacht eine Creme aufgetragen hatte.

So langsam machte sich Panik breit. Sie wollte noch frühstücken, doch wenn sie diese Hose nicht gleich finden würde … Lea durchsuchte noch einmal jeden Raum und blieb plötzlich wie angewurzelt stehen.

Nein, nein, das durfte jetzt nicht wahr sein. Sie schloss die Augen und hoffte inständig, dass wenn sie diese wieder öffnete, alles nur ein böser Traum gewesen wäre. Doch leider erfüllte sich ihr Wunsch nicht. Vor ihr in der hintersten Ecke der Küche lag ihr Kater Arthur, friedlich schnurrend … in seinem Körbchen … auf ihrer Hose!

»Arthur«, seufzte sie in einer Mischung aus Drohung und Verzweiflung, doch der Kater hob gerade mal seinen Kopf, sah sie verdutzt an und kuschelte sich erneut in das Kleidungsstück.

Manchmal zweifelte Lea daran, dass dieses Tier überhaupt ein Kater war. Vielleicht hätte er doch ein Hund werden sollen, denn er schleppte ständig Dinge in sein Körbchen, vornehmlich ihre Shirts und Socken. Bisher konnte Lea damit leben. Doch heute hörte der Spaß auf. Sie machte sich eine Notiz, dass die Leckerlis für die nächsten Tage gestrichen wären, überlegte kurz, ob sie es wagen sollte, ihm die Hose zu entziehen, ließ es dann aber doch. Es hatte keinen Zweck. Nie und nimmer würde sie die in der kurzen Zeit noch sauber und enthaart bekommen.

In einer halben Stunde sollte sie bei ihrem Einstellungsgespräch sein und genau diese Hose, auf der sich der Kater nun genüsslich putzte, wollte sie eigentlich anziehen.

 

Fluchend rannte Lea ins Schlafzimmer, riss die Türen des Kleiderschrankes auf und begann darin zu wühlen. So etwas konnte auch nur ihr passieren!

Zehn Minuten später stand sie vor ihrem großen Spiegel im Flur und probierte das einzige Kleidungsstück, von dem sie dachte, dass es eine Alternative wäre.

Doch diesen Rock konnte sie unmöglich anziehen! Er saß so eng am Po, dass kaum etwas der Phantasie übrig blieb. Aber immerhin hatte er eine recht züchtige Länge und Lea leider keine Wahl. Sie schlug die Hände vors Gesicht, verfluchte erneut den Kater, atmete dann aber kräftig durch und sortierte ihre Gedanken. Wenn sie dazu den schwarzen Blazer und die dunkelrote Bluse anziehen würde, könnte es vielleicht sogar gehen. Nicht ganz so hohe Pumps und nur wenig Make-up.

Ihre Tattoos an den Armen wären fürs erste gut verdeckt und der Rest der Bilder war sowieso nur sehr wenigen Leuten vorbehalten.

Lea stand natürlich zu ihrem Faible, aber nicht alle Menschen mochten Tattoos. Sie würde austesten, wie ihr potentieller neuer Chef dazu stand und dann entscheiden. Noch wusste sie ja nicht, wie es um Moral, Anstand und Sitte in der Firma bestellt war. Lea musste lachen. Das waren sicher alle Nerds und so, wie sie Berlin bisher erlebt hatte, sollten ihre Tattoos das kleinste Problem darstellen.

 

Diese Stelle als Softwareprogrammiererin war genau das, was sie gerade suchte. In einer kleineren Firma mit einem komplett anderen Aufgabengebiet als bisher. In ihrer Branche war sie als Frau ohnehin die Ausnahme und so machte es ihr nichts aus, wenn auch in dieser Firma nur Männer arbeiten würden, das war sie gewöhnt. Sie kam mit diesen meist besser klar, dieses weibliche Gezicke und Gerede unter Kolleginnen konnte sie noch nie nachvollziehen. Unter anderem ein Grund, warum sie bereits mehrmals den Arbeitsplatz gewechselt hatte. Hinzu kam, dass Lea regelmäßig neue Herausforderungen brauchte. Sie langweilte sich recht schnell und Beständigkeit war nicht ihr Ding.

Bisher war sie bei größeren internationalen Firmen tätig gewesen und diese hatten sie allesamt nur ungern gehen lassen. Lea war sehr gut in dem, was sie tat. Sie konnte sich unfassbar schnell in neue Systeme hineindenken, arbeitete selbstständig und professionell.

Eine Zeitlang hatte sie bei der Entwicklung eines neuen Computerspiels geholfen, welches schon beim Start alle Hoffnungen erfüllte und quasi einen Senkrechtstart hinlegte. Das war eine wirklich schöne Zeit gewesen mit einem lockeren Team, netten Kollegen und viel Spaß bei der Arbeit.

Dann wechselte sie zu einem großen Handyhersteller und probierte sich aus, doch diese Arbeit machte ihr schnell keinen Spaß mehr. Alles lief sehr strikt nach Plan und Vorschrift, ihre eigene Kreativität blieb auf der Strecke.

Nun war sie bei einem Büro gelandet, welches unter anderem Software für Banken programmierte, aber auch Webseiten erstellte, Online-Shops generierte. In der Stellenausschreibung hieß es, dass Kreativität und Eigenarbeit gefordert wären und genau das suchte Lea. Eine kleinere Firma, eher familiärer Umgang, kurze Wege. Sie hoffte nicht gerade auf enge Freundschaften, aber je weniger Angestellte, desto wenige Getratsche gab es und sie müsste sich nicht so viele Namen merken.

Noch einmal verfluchte sie Arthur, schnappte sich nach einem Blick auf die Uhr ihre Unterlagen und die Autoschlüssel und machte sich auf den Weg. Laut Navi sollte sie etwa eine viertel Stunde benötigen, aber in Berlin wusste man das nie genau und auf die öffentlichen Verkehrsmittel wollte sie sich gerade heute nicht verlassen, zumal es in Strömen regnete.

 

Julian

Irgendwo hier musste dieser blöde Fehler doch stecken. Seit Tagen durchwühlte er in jeder freien Minute das Dokument, konnte aber nichts finden. Trotzdem arbeitete das Programm fehlerhaft und der Kunde saß ihm im Nacken. Kein Wunder, die Arbeit hätte schon vor zwei Wochen fertig sein sollen. Wenn denn sein Kollege nicht so eine Scheiße gebaut und sich dann aus dem Staub gemacht hätte. Vielleicht wäre es einfacher gewesen das Ganze komplett neu zu programmieren. Nicht zum ersten Mal kam ihm dieser Gedanke, doch leider war sein nun nicht mehr erreichbarer Kollege der Spezialist auf diesem Gebiet gewesen. Julian lehnte sich zurück und ließ den Kopf gegen die Stuhllehne sinken.

Am liebsten würde er jetzt seine Boxhandschuhe anziehen und den Punshing-Ball im Keller traktieren. Doch das ging nicht.

Also speicherte er seine bisherige Arbeit ab und beschloss sich einen Kaffee in der kleinen Cafeteria im Erdgeschoss des Hauses zu organisieren. Vielleicht könnte er sich auch ein paar Minuten an eines der großen Fenster setzen. Zwar gab es gegenüber einen schönen Park, aber bei dem Regenwetter war der kaum nutzbar. Julian arbeitete nun schon seit ein paar Jahren bei Connect und der Job machte ihm noch immer Spaß, auch wenn er gerade jetzt eher frustriert war. Doch wenn diese leidige Fehlersuche erst einmal vom Tisch war, konnte er sich wieder voll und ganz seinen anderen Projekten widmen, die weitaus interessanter waren.

»Noch immer nicht?«, hörte er plötzlich Tom hinter sich fragen.

Sein Kollege und bester Freund arbeitete ebenfalls im Team, übernahm aber meist die Verhandlungen mit neuen Kunden und schien nun ebenfalls auf dem Weg ins Erdgeschoss zu sein. Natürlich fiel ihm sofort Julians verkniffenes Gesicht auf.

»Nein, es ist wirklich unfassbar, was Klaus da angestellt hat und dass es niemandem aufgefallen ist.«

»Ja, ich weiß. Ist mir auch unbegreiflich. Aber Klaus hatte eben freie Hand und Sonderstatus, er konnte machen, was er wollte, ohne dass ihm da jemand auf die Finger geschaut hat. Und bisher hat er ja auch immer mehr als vernünftige Arbeit abgeliefert.«

»Dann frage ich mich doch ernsthaft, was das jetzt sollte. Stell dir mal vor, wir hätten den Fehler nicht vorher bemerkt und die Software ungeprüft rausgegeben. An den Schadenersatz, den der Kunde hätte verlangen können, will ich gar nicht denken«, grummelte Julian weiterhin.

Inzwischen waren sie in der Cafeteria angekommen, als plötzlich Julians Handy klingelte.

»Na super, wenn man mal nicht am Platz ist«, erwiderte er.

»Ah, die obere Instanz«, lachte Tom, bezahlte in der Zeit die beiden Kaffees, während Julian das Gespräch annahm.

»Hallo André, ich bin gerade unten, um mir einen Kaffee zu holen. Was gibt es denn?«, meldete sich Julian.

»Kannst du in fünf Minuten zu mir kommen?«, fragte sein Chef ohne Umwege. So lief es eben, wenn Kerle miteinander arbeiteten. Kurz und knapp und keiner nahm es dem anderen übel.

»Ja klar, bin gleich da.«

»Was wollte er denn?«, hakte Tom nach, als sie zurück zu den Aufzügen gingen.

»Keine Ahnung, ich soll zu ihm kommen. Kennst doch André, am Telefon ist er immer kurz angebunden. Aber wenn er noch mal fragt, wie weit ich denn wäre, garantiere ich für nichts.«

Tom stieß seinen Kaffeebecher gegen Julians und sie prosteten sich spaßeshalber zu.

Prinzipiell war André ein sehr loyaler Chef, die Hierarchien im Unternehmen waren eher schmal. Nur ab und an entschied er Dinge, die er lieber gelassen hätte und das auch noch meist über die Köpfe der Mitarbeiter hinweg. Doch Julian mochte den Job sehr, er hatte einen kurzen Arbeitsweg und sehr moderate Zeiten, die ihm durchaus auch mal einen Homeoffice-Tag ermöglichten. Kein Grund zur Beschwerde also.