Lea

Das war doch mal ein sehr nettes Gespräch und ganz ohne irgendwelche sexistischen Sprüche, die sie sonst so oft zu hören bekam. Lea war zwar in dem Punkt nicht gerade zart besaitet und sie konnte sich durchaus verteidigen, doch es nervte sie einfach.

Schon das Bewerbungsgespräch vor einer Woche war ihr aus diesem Grund angenehm in Erinnerung geblieben und als dann der bestätigende Anruf kam, war sie sehr froh. Hier könnte sie sich wohlfühlen und vielleicht sogar ein wenig länger bleiben.

Connect hatte seine Büros in einem alten, sanierten Backsteinbau in Friedrichshain mit direktem Blick auf die Oberbaumbrücke. Lea wusste, dass die Firma expandierte und nach anfangs fünfzehn Mitarbeitern war sie auf knapp 30 Leute angewachsen. Mit ihr sollten wohl noch zwei weitere eingestellt werden.

Außerdem hatte sie endlich eine superschöne Wohnung in Berlin gefunden, die sie nur schweren Herzens aufgeben würde. Irgendwie fühlte sie sich angekommen, obgleich Sesshaftigkeit und Stagnation nie ihres gewesen waren. Doch Berlin war eben anders und hatte sie von der ersten Sekunde an infiziert. Sie konnte einfach sie sein und musste auch nichts und niemanden Rücksicht nehmen, andererseits wurde sie aber auch nicht wegen ihrer Haarfarbe oder der Tattoos dumm angeschaut.

»Also wenn Sie möchten, wovon ich ausgehe, sonst wären Sie ja nicht hier, könnten Sie bereits am Montag anfangen. Ich würde Ihnen einen meiner Mitarbeiten zur Seite stellen, er kann sie in alles einarbeiten und von ihm bekommen Sie dann auch die ersten eigenen Projekte. Mit allem anderen sollten sie schnell klarkommen«, erklärte ihr zukünftiger Chef gerade, als es plötzlich klopfte.

»Ah super, da ist er auch schon«, erwiderte er und. »Komm rein!«

Die Tür ging auf und ein schlanker, großer Mann betrat den Raum. ErschienLea im ersten Moment gar nichtzu bemerken, stutze dann aber, als er die Tür schloss und sich umdrehte.

»Sorry, ich dachte ich soll gleich … «

Fragend wanderte sein Blick von Lea zu seinem Chef und wieder zurück.

»Nein, schon gut, genau aus diesem Grund habe ich dich ja gerufen«, beeilte dieser sich zu erklären. »Julian, das ist Leandra Volkers. Frau Volkers, das ist Julian Drögler, ihr Kollege, der ihnen in den nächsten Wochen zur Seite stehen wird.«

»Was?«, rutschte es diesem heraus und sein Gesicht sprach Bände. Er wurde mit dieser Information komplett überrumpelt und schien nicht gerade angetan. Lea konnte das gut verstehen. Das war kein guter Schachzug seines Chefs.

»Ja, es hat sich tatsächlich etwas schneller als gedacht ergeben und Frau Volkers Bewerbung konnte ich unmöglich ignorieren. Außerdem brauchen wir ja nun noch dringend Ersatz für Klaus, uns steht das Wasser bis zum Hals.Ich wollte dir nur nicht früher etwas sagen, weil ich nicht wusste, ob Frau Volkers unser Angebot wirklich annehmen würde.«

»Ja, schön. Nur …  ichhabe garkeine Zeit jemanden einzuarbeiten.Wie du weißt, stapeln sich aus einem bestimmten Grund die Projekte auf meinem Schreibtisch.Kann das nicht Luke machen?«

»Nein, der geht nächste Woche in Urlaub und er hat gar nicht die Kompetenzen dafür. Außerdem soll dir Frau Volkers auch unter die Arme greifen. Sie übernimmt einige deiner Projekte, die jetzt liegengeblieben sindbeziehungsweise, die du ohne Probleme an sie übertragen kannst.Ich verschaffe dir also Freiraum.«

Lea kam sich vor wie bei einem Tennismatch, ihr Blick huschte zwischen den Männern hin und her. Die Spannung im Raum war beinahe greifbar und am liebsten hätte sie sich ins nächste Mauseloch verkrochen. So etwas mochte sie gar nicht und noch weniger gern war sie der Grund dafür.

Sie zog also den Kopf noch ein wenig tiefer und hoffte, dass die beiden Kerle ihre Auseinandersetzung bald beendet hätten. Außerdem hatte dieser Julian eine unfassbare Präsenz, die sie selten so gespürt hatte und der er sich definitiv bewusst war. Er sah nicht so aus, als wenn er sich verstecken müsste oder wollte. Sein Selbstbewusstsein war schon raumfüllend und auch vor seinem Chef knickte er nicht ein. Diese Art mochte sie an Männern normalerweise sehr gern. Nur gerade jetzt würde sie lieber verschwinden.

»Na schön«, hörte sie diesen Julian nach einer ganzen Weile sagen. Er hatte eine tiefe, angenehme Stimme, stellte sie unvermittelt fest und wunderte sich gleichzeitig über ihren Gedankengang.

»Hallo Leandra, ich bin Julian«, wandte er sich nun an sie und reichte ihr die Hand. Er lächelte, auch wenn dieses Lächeln seine Augen nicht erreichte.

Durch ihre sitzende Position musste sie zu ihm aufsehen und plötzlich änderte sich die Stimmung. Seine Augen wurden irgendwie dunkler, sein Blick durchbohrte sie beinahe, kurz legte er den Kopf ein wenig schief und schien zu überlegen.

Lea hingegen starrte ihn regelrecht an, es fehlte nur noch, dass sie sabberte. Unwirsch schüttelte sie den Kopf und stand auf, um dem Gefühlschaos zu entkommen. Sie schwankte ein wenig, doch er ergriff blitzschnell ihre Hand. Zum Glück hatte sie sich schnell wieder unter Kontrolle und erinnerte sich auch prompt daran, dass sie das Frühstück nicht hätte ausfallen lassen dürfen. Doch Hose und Kater hatten ihren gesamten Rhythmus durcheinander gebracht.

»Hallo, freut mich. Lea, bitte«, erwiderte sie mit halbwegs fester Stimme und sogar ein Lächeln gelang ihr.

Er ließ ihre Hand jedoch noch nicht los. Nur mit den Augen stellte er die Frage, ob alles okay wäre und Lea nickte kurz. Erst dann löste er ihre Verbindung.

Was war denn das gerade?

Hatte sie sich das nur eingebildet? Spielte ihr das eigene Kopfkino einen Streich? Fragend sah sie ihre Hand an, die er bis eben noch gehalten hatte und hätte wetten können Brandspuren zu entdecken. Sie sollte vielleicht doch mal wieder im Club vorbeischauen und auf andere Gedanken kommen. Irgendwie tat ihr der selbstauferlegte Entzug nicht gut. Sie sah offensichtlich Gespensterund das zum denkbar schlechtesten Zeitpunkt.

Zum Glück drehte sich das Gespräch in den nächsten Minuten nur um ein paar organisatorische Dinge, dann verabschiedete man sich von ihr und verwies sie an die Personalabteilung. Lea war noch nie so froh einer Unterhaltung zu entkommen.

 

Julian

Noch immer kochte die Wut in Julian, dass sein Chef ihn so dermaßen hatte auflaufen lassen. Er war nicht mal auf die Idee gekommen mit Julian im Vorfeld darüber zu sprechen. Natürlich wussten alle von der Stellenausschreibung, die war ja schon vor dem Riesendebakel mit Klaus aktuell. Doch bisher schien kein passender Kandidat in Aussicht zu sein. Und nun sowas! Genau das hatte er André dann auch gesagt, als seine neue Kollegin sich verabschiedet hatte.

Julian verstand, dass André in Zugzwang war, denn die Projekte wurden in der Tat nicht weniger. Gut für die Firma, schlecht für die Mitarbeiter. Er musste zwangsläufig reagieren, nur hatte Julian nicht damit gerechnet, dass er davon betroffen sein würde. Inzwischen hatte er eine Position im Unternehmen, die ihn eigentlich vor derlei Dingen bewahren sollte. André schien das mal wieder nicht bewusst oder aber er machte sich wenig draus.

Diese Lea hatte allerdings wirklich ausgesprochen gute Referenzen und jede Menge Erfahrung auf dem Gebiet, soweit er das ihren Unterlagen entnehmen konnte. Wieso wollte jemand wie sie in einer kleinen Firma wie Connectarbeiten? Passte sie überhaupt ins Team? Bisher hatte sie jobtechnisch in einer ganz anderen Liga gespielt. Connectwar nicht unbekannt, aber diese Art Projekte konnten sie nicht aufweisen. Würde ihr das nicht schnell langweilig werden?

Lea hatte lange, schwarz – lila Haare, trug wohl lieber dunkle Klamotten, wenn er das Bewerbungsfoto und ihre Kleidung heute betrachtete,und war etwas zu dünn für seinen Geschmack, mal von einem echt knackigen Hintern abgesehen. Julian musste bei dem Gedanken grinsen. Als sie zur Tür ging, war er nicht der Einzige, der ihr hinterher gestarrt hatte.

Ob die Entscheidung, eine Frau einzustellen, so gut war, daran zweifelte Julian allerdings. Hier arbeiteten nur Männer und die meisten waren bei zwischenmenschlichen Interaktionen eher ungeschickt. Es waren Nerds, die ihre Zeit am liebsten hinter dem PC verbrachten, aber mit chauvinistischen Sprüchen um sich warfen.Nur Tom hatte bereits Frau und Kinder und diverse andere Hobbys.

Hobbys, Neigungen und Vorlieben, die auch Julian teilte und die er seit geraumer Zeitgemeinsam mit Tom und seiner Frau Anna auslebte.

Die beiden Männer hatten sich vor Jahren hier im Büro kennengelernt. Schnell entwickelte sich eine lockere Freundschaft, bis sie feststellten, dass es auch noch andere Dinge gab, die sie verband. Als Tom ihn vor vielleicht zwei Jahren fragte, ob er sich ein gemeinsames Spiel mit Anna vorstellen könnte, hatte er keine Sekunde gezögert.

Julian musste lächeln, als er sich daran erinnerte, wie Anna reagierte, als sie erfuhr, dass Julian dieselben Leidenschaften wie ihr Mann hegte. Sie hatte sich im heimischen Bad eingeschlossen und war erst nach Androhung von Strafe wieder herausgekommen.

Die Sessions mit den beiden waren mit das Beste, was er bisher erleben durfte. Die Dynamik und auch das Zusammenspiel waren so harmonisch, dass sie sich inzwischen blind verstanden und nur mit Blicken kommunizieren konnten.

Mittlerweile hatte Julian das Gefühl, dass er quasi zur Familie gehören würde, denn die Kinder der beiden, Moritz und Luise, betrachteten ihn ohnehin als ihren Onkel.

»Na komm, so schlimm wird es nicht werden«, versuchte ihn sein Freund wieder auf ein normales Frustlevel herunter zu bringen, als sie sich nach Feierabend auf ein Bier trafen.

»Wenn sie wirklich so gut ist, wie du sagst, wird sie sich schnell einfinden. Dann gibst du ihr ein paar deiner kleineren Projekte, die Homepages zum Beispiel und lässt sie machen. Oder du gibst ihr Klaus´ Arbeit, dann hat sie vermutlich für die nächste Zeit zu tun. Außerdem täte dir ein Urlaub auch mal wieder gut. Und gegen unsere Jungs wird sie sich schon durchsetzen können.«

»Darum geht es mir auch gar nicht, sondern um die Art und Weise, wie ich vor ihr dastand. Wie der größte Depp. Und ihr gegenüber war es auch nicht fair. Sie fühlte sich unwohl, das war kaum zu übersehen.«

Dass da noch etwas anderes war, verschwieg er seinem Freund. Als er Leas Hand hielt, zugegeben ein wenig länger als üblich, hätte er schwören können, dass es da eine Verbindung zwischen ihnen gab. Sie verstand sogar seinen fragenden Blick. Etwas Vergleichbares hatte er bisher noch nie erlebt, daher wollte er es fürs erste auch lieber für sich behalten. Wer weiß, was er da gerade hineininterpretierte.

»Ja, André ist da auch nicht unbedingt sehr geschickt vorgegangen. Vielleicht musste er auch einfach schnell reagieren, weil sie noch andere Angebote hatte. Aber du kennst ihn doch. Nun ist es eben so und ihr werdet schon klarkommen«, hörte er Tom sagen.

Plötzlich legte sich ein Grinsen auf dessen Lippen und er neigte den Kopf ein wenig.

»Hast du nicht Lust am Wochenende mal wieder zu uns zu kommen? Die Kinder sind bei den Großeltern und so hätten wir das Haus für uns. Anna freut sich sicher.«

Auch Julian musste nun grinsen. Die Erinnerung an die letzte Session im Club fühlte sich gut an. Annas Hintern hatte danach schon etwas länger gebraucht, um sich zu erholen. Trotzdem schüttelte er den Kopf.

»Nein, ich denke, ich sollte mal pausieren.«

»Stimmt was nicht«, hakte Tom natürlich sofort nach. Julian war sonst kein Kostverächter und für jeden Spaß zu haben.

»Nein, nein, alles bestens. Es hat nichts mit euch zu tun. Ich mag Anna sehr und sie kann sich wie keine andere hingeben, das weißt du.« Kurz überlegte er, ob er mit seinem Freund auch über die anderen Beweggründe seines Entschlusses reden könnte. Entschied sich dann es zu wagen, zumal Tom sowieso weiterbohren würde.

»Aber ich sehe euch beide und eure Verbindung. Dasist etwas, was sie mir nicht geben kann und auch gar nicht soll. Aber irgendwie …«, er ließ den Rest des Satzes offen.

»Dir fehlt etwas«, stellte Tom fest. »Kann ich verstehen. Irgendwann kommen alle an den Punkt, glaube mir. Die einen früher, die anderen später.« Dann grinste er verschlagen.»Dass ich das allerdings bei dir noch erleben darf, macht mich sprachlos. Julian Drögler wird sesshaft.«

»Na na na, mach mal langsam«, erwiderte dieser. »Erstmal hätte ich nur gern eine Frau für mich alleine«, wiegelte er schnell ab.

Doch Tom grinste nur weiterhin, leerte sein Bierglas und orderte für sich und Julian jeweils ein Neues. Zwar war er klug genug nun den Mund zu halten, doch er war nicht blöd und konnte eins und eins zusammenzählen.

Natürlich lag seine Annahme richtig, doch zugeben würde das Julian nicht. Noch nicht! Dafür war der Gedanke an Familie und Beziehung noch zu frisch und ungewohnt, wenn auch sehr präsent und hartnäckig.

»Also muss ich mich allein um meine Frau kümmern?«, versicherte sich Tom noch einmal.

»Ja, aber das wirst du schon schaffen«, lachte Julian. »Soll ich dir morgen das Paddel mitbringen?«

Er wusste, dass Anna dieses Ding hasste und bisher hatten es die Männer nur einmal und dann auch eher in homöopathischen Dosen angewendet. Aber das Kopfkino im Vorfeld, welches sie Anna mit der Ankündigung bescherten, war sicher unvergleichlich.

»Ja, würde ich nehmen. Und diese anderen Klemmen. Die, die du letztens im Club mit hattest.«

Julian runzelte die Stirn. Die Dinger waren teuflisch und Anna hatte schon bei den einfachen normalen Nippelklemmen ihre Sorgen.

»Meinst du wirklich? Ich hatte den Eindruck, dass Anna die nicht gut verkraften würde.«

Tom schnalzte mit der Zunge.

»Wer sagt denn, dass ich sie verwende? Anna wird sie nur rein zufällig in meiner Sakkotasche finden.«

Julian verschluckte sich beinahe am Bier.

»Ach so, also so wie die Kids den Plug gefunden hatten?«

Nun musste auch Tom lachen.

Oh ja, das war eine Story, die wohl keiner vergessen würde, aber auch der Moment, als Anna und Tom anfingen sorgsamer mit ihren Spielzeugen umzugehen. Ihre kleine Tochter hatte den Analplug mit dem rosa Edelstein in Toms Sakkotasche gefunden und ihn als einen Schatz einfach an sich genommen. Nur durch Zufall bekamen sie es heraus, kurz bevor sie damit in den Kindergarten gehen wollte, als Beweis für ihr Prinzessinnendasein.

Dafür, dass Anna und Tom schon viele Jahre verheiratet waren, schienen Tom die Ideen sowieso nie auszugehen. Bei anderen Paaren gehörte in dieser Phase der Sex bereits der Vergangenheit an, doch bei den beiden ging es jetzt erst richtig los.

»Böse«, kommentierte er daher Toms Idee, dieser nickte nur.

»So, ich muss jetzt los. Anna hat heute ihren freien Abend und will sich mit einer Freundin treffen. Mädelsabend im Club.«

»Ach herrje«, erwiderte Julian. Dann würde Tom sowieso alle Hände voll zu tun haben, um Anna die Flausen, die ihr die anderen Subs ins Ohr setzten, auszutreiben.