»So, nun brauchst du nur noch diesen hübschen Heiligenschein aufzusetzen und dann haben wir es auch geschafft. Du siehst perfekt aus«, flötete meine Kollegin und Freundin Eva entzückt und tanzte um mich herum.

Ich hingegen stand einfach nur da: in einem weißen, langen Kleid – mit blonden, langen Haaren – Mini-Flügeln auf dem Rücken und Killermiene. Diese schien Eva allerdings gar nicht aufzufallen.

Warum genau hatte ich mich darauf eingelassen?

Ach ja, mein Karmakonto könnte dieses Jahr noch ein wenig Politur gebrauchen und auch sonst hatte ich mich bisher nicht unbedingt von meiner besten Seite gezeigt. Als es hieß, ob ich für eine Arbeitskollegin einspringen könnte, die krankheitsbedingt eines ihrer Herzensprojekte nicht betreuen konnte, sagte ich natürlich sofort zu. Ich dachte an einen Besuch in einem Kindergarten oder Krankenhaus, bei dem ich eine hübsche Geschichte vorlesen könnte, oder einem Nachmittag im Seniorenheim.

Aber ganz sicher nicht daran, den Weihnachtsengel bei der Eröffnung des diesjährigen Marktes zu spielen!

Wer kam denn bitte auf so einen Scheiß! Das hier war nicht Nürnberg und kein Mensch brauchte einen Rauschgoldengel.

Genervt schnappte ich mir den Heiligenschein, der ganz profan an einem Haarreifen befestigt war, und setzte ihn missmutig auf.

»Nun lächle doch mal! Du sollst doch den Kindern Freude bereiten und sie nicht vergraulen. Dazu ist Knecht Ruprecht da, aber nicht du«, tadelte mich Eva und kicherte über ihren Scherz.

»Dir ist aber schon klar, dass ich die wohl größte Fehlbesetzung in dem Stück bin, oder«, wagte ich noch einen letzten Vorstoß. Doch Eva lächelte nur milde und tätschelte meinen Oberarm. Wie ich diese Geste hasste!

Fast schon so sehr wie dieses ganze Getue um Weihnachten, die Hektik und die Kaufwut der Menschen. Das ganze Jahr über wird gejammert, wie schlecht es einem geht, aber unterm Weihnachtsbaum explodiert quasi ein Kaufhaus.

Nein, dagegen wehrte ich mich bereits seit Jahren und inzwischen kamen die meisten Menschen aus meinem Umkreis auch gut damit klar. Ich war kein Grinch, der das Fest kategorisch ablehnte, ich hatte auch keine schlechten Erinnerungen daran, ganz im Gegenteil. Weihnachten bei meinen Eltern war immer sehr schön gewesen. Doch ich für mich hatte eben entschieden, dass ich es nicht mehr brauchte. Schon gar nicht diese angeblich größte und opulenteste Eröffnung des Weihnachtsmarktes, die dieser Ort je erlebt hatte.

Ich muss wohl nicht dazu sagen, dass wir eine Kleinstadt in der brandenburgischen Provinz waren und gerade mal fünftausend Einwohner zählten? Ja, wir hatten einen wirklich hübschen Stadtkern mit einem Marktplatz, der sich für derlei Feste anbot und der, herausgeputzt zu Weihnachten, auch einladend wirkte und nicht wenig Touristen anzog. 

Wie jedoch so etwas zu einem Herzensprojekt werden konnte, wollte ich gar nicht erst wissen. Es war doch nur eine Kostümierung und kein Mensch würde nach dem Genuss des dritten Glühweins noch nach meiner Person krähen. Genau genommen war ich einer der Gründe, warum das alljährliche Gelage noch nicht beginnen konnte. Vor der offiziellen Eröffnung durch Weihnachtsmann, Ruprecht und Engel passierte auf dem Markt rein gar nichts! Die meisten wären also froh, wenn dieses Schauspiel schnell von statten ginge oder komplett wegfiel. 

Das war auch der einzige Punkt, der mich davon abhielt, alles augenblicklich hinzuwerfen. Nach nicht mal fünfzehn Minuten wäre der Spuk vorbei und ich könnte mich in meine gemütliche, kleine Wohnung verkriechen und vor lauter Peinlichkeit sterben. 

»Insgeheim liebst du es, das weiß ich«, versuchte Eva mich aufzumuntern, erreichte natürlich genau das Gegenteil.

»Kann ich einen Glühwein bekommen?«, fragte ich, in der Hoffnung, meine Stimmung so ein wenig zu heben.

»Nein, vor dem Programm gilt striktes Alkoholverbot und du weißt doch, dass noch kein Ausschank stattfindet«, erklärte mir Eva.

Tja, das hätte sie Knecht Ruprecht und einem Teil der Blaskapelle vielleicht auch sagen sollen. Die standen nämlich bereits seit einer Stunde vor dem hinteren Eingang zum Rathaus, in dem wir uns umziehen konnten, und wärmten sich mit hochprozentigen Getränken auf.

»Wer spielt denn den Weihnachtsmann dieses Jahr?«, hakte ich nach, denn darum wurde alle Jahre wieder ein riesiges Geheimnis gemacht. Warum, erschloss sich mir zwar noch immer nicht, doch ich schob es einfach darauf, dass man es für die Kinder und deren Glaube an den rot gekleideten Mann mit den Geschenken tat und man so die Gefahr minimieren wollte, dass sich jemand verplapperte.

»Ja also … das ist so eine Sache«, stammelte meine Freundin plötzlich und sah aus, als wenn sie am liebsten das Weite suchen wollte. 

»Was soll das heißen? Gibt es keinen?«, fragte ich sofort nach und witterte die Chance, um dieses blöde Theater doch noch herumzukommen. Oder sollte ich die Show etwa mit einer betrunkenen Gefolgschaft allein bewältigen? Oh nein, das fiel komplett aus.

Ich wollte gerade zum Protest ansetzen, als mir Eva ins Wort fiel.

»Du musst mir aber versprechen, dass du nicht aussteigst und dich halbwegs vernünftig benehmen wirst, du keinen umbringst, vorzugsweise mich, und auch keinen anderen, der hier heute dabei ist.«

Was sollte das denn jetzt? Auf meiner Stirn mussten unzählige Fragezeichen zu sehen sein, doch Eva rückte nicht mit der Information heraus, bis ich ihr schwor, dass ich keinen Rückzieher machen und sie nicht vom Balkon werfen würde.

»Also es ist Jan«, verkündete sie und trat instinktiv einen ganzen Schritt von mir weg.

Jan? Welcher Jan? Ich kenne keinen … Moment!

Meine Augen wurden immer größer und ich starrte Eva an, ohne jedoch nur eine Silbe von mir zu geben.

»Das ist nicht dein Ernst, oder?«

»Er stand schon fest, bevor du zugesagt hast. Dass ihr zwei … also naja … meine Güte, ich hatte einfach keine Zeit mehr jemand anderen zu fragen«, stammelte Eva und warf entschuldigend und beinahe verzweifelt die Hände in die Luft. 

»Also hast du einfach mal beschlossen, mich hinters Licht zu führen und gehofft, es würde schon laufen? Eva, bist du verrückt? Du hast doch mitbekommen, wie es zwischen uns in den letzten Monaten lief. Bist du lebensmüde?«

Am liebsten würde ich alles stehen und liegen lassen, ihr die blöden Flügel samt Perücke vor die Füße werfen und verschwinden.

Ich schloss gequält die Augen und versuchte meine Gedanken zu sortieren. Das würde im Leben nicht gut ausgehen, denn ich wusste genau, was Jan von mir hielt. Nämlich rein gar nichts und daran war hauptsächlich ich allein schuld. Im letzten Jahr hatte er keine Möglichkeit unversucht gelassen, mir das Leben im Job schwer zu machen und auch privat streute er für sein Leben gern Gerüchte über mich, besonders, was meinen Männerverschleiß betraf. Was ich seit geraumer Zeit natürlich mit Gerüchten über ihn erwiderte. 

Uns auch nur für wenige Minuten näher als einen Meter zusammen zu bringen, war keine gute Idee. Doch gleich müssten wir uns den Platz auf dem winzigen Rathausbalkon teilen. Nun bräuchte ich erst recht einen Glühwein und war tatsächlich versucht, Knecht Ruprecht anzuzapfen. 

Hatte so ein Engel nicht auch einen Stab mit einem Stern dran? Ob man den auch zweckentfremden könnte? Ich wüsste ja, wohin ich diesen Jan stecken würde … 

»Lina, bitte! Ihr müsst euch zusammenreißen. Tut es meinetwegen für die Kids da draußen oder für Margot oder für sonst wen.«

Ich schnaubte abfällig, raffte das lange Kleid und begann in dem kleinen Raum, der uns als Garderobe diente, auf und ab zu laufen.

Natürlich würde ich jetzt nicht alles hinschmeißen, auch wenn ich dieses Tamtam nicht mochte und auch nicht verstand, warum man das brauchen sollte. Ich verstand dennoch, dass sehr viele Menschen an den Vorbereitungen beteiligt waren und eine Menge leuchtender Augen da draußen auf uns warteten. Das Stimmengewirr konnte man ja schließlich selbst durch die geschlossenen Fenster hören.

Was nichts an der Tatsache änderte, dass ich frustriert und sauer war.

»Man, Eva«, motzte ich, »du hättest es mir sagen müssen, dann wäre ich immerhin drauf vorbereitet gewesen. Jetzt wirfst du mich ins eiskalte Wasser. Fair ist das nicht.«

»Hätte ich es dir gesagt, hättest du nicht mitgemacht. Außerdem musst du doch nur neben ihm stehen. Er hält die Ansprache, du lächelst einfach in die Menge und schwupps ist alles vorbei und ihr geht wieder getrennte Wege«, erklärte meine Freundin. Aus ihrem Mund klang das Ganze wirklich simpel und einfach. Doch mein Kopf und auch mein Bauch sahen das ein wenig anders.

»Kann ich nicht doch einen Glühwein … «, hakte ich nochmals nach.

»Nein«, war auch dieses Mal Evas Antwort. »Ich geh mal nachsehen, wo die anderen stecken. So langsam wird es Zeit.«

Damit verließ sie den Raum und ich blieb allein mit meinen Gedanken zurück. 

Wieso machte Jan freiwillig den Weihnachtsmann? Hatte er seine soziale Ader entdeckt oder war mal wieder eine Gehaltserhöhung fällig und er wollte vor seinem Boss einen guten Eindruck machen? Dieser, beziehungsweise unser gemeinsamer Arbeitgeber, unterstützte nämlich seit Jahren das weihnachtliche Spektakel und ganz viele meiner Kollegen halfen mit. 

Ansich waren Jan und ich uns sehr ähnlich … damals. Ich war nur auf der Suche nach ein wenig Spaß und auch er schien bis dato nichts anbrennen zu lassen, wenn man denn den Gerüchten glauben konnte. Außerdem sah er unfassbar gut aus, wenngleich ich ihn nicht als hübsch im landläufigen Sinne bezeichnen würde. Er war um einiges größer als ich, hatte diesen Out-of-bed-Look und, was ich an Männern unwiderstehlich fand, zwei süße, kleine Grübchen, die sich, sobald er lachte, zeigten. 

Wir schwammen also ziemlich auf derselben Wellenlänge, doch irgendwann fing er an, auch außerhalb des Schlafzimmers Zeit mit mir verbringen zu wollen. Kino, essen gehen, Familie besuchen und ähnliche Dinge waren und sind nicht so meine Sache und so verschwand ich eines Tages fast über Nacht für ein Dreivierteljahr in die USA. Diese Reise war natürlich schon länger geplant, ich hatte nur eventuell versäumt, Jan davon zu erzählen. 

Wie dem auch sei, meine Informanten aus der Firma berichteten mir irgendwann, dass er sich recht schnell mit anderen Affären getröstet hatte und so ging ich davon aus, dass es ihm ebenfalls recht war. Damit lag ich allerdings völlig falsch. Denn kurz nach meiner Rückkehr begann der Terror, den ich im ersten Moment als Überreaktion oder blöden Witz abtat. Doch Jan hatte scheinbar einen Heidenspaß daran, Gerüchte über mich zu streuen, gegen die ich mich irgendwann mit ebensolchen wehrte. Jeder in unserer Firma wusste, dass wir lieber niemals zusammen zu einem Meeting eingeladen werden sollten. Ja, ich weiß auch, dass das nach Kindergarten klingt. Aber er hatte schließlich angefangen.

Allerdings gab es einen Punkt, dem ich wirklich hinterher trauerte. Der Sex mit Jan war phänomenal und seitdem hatte ich nie wieder etwas Ähnliches erleben dürfen. Nicht nur einmal in meiner Zeit in den Staaten kam mir der Gedanke, ob ich nicht mit einer Beziehung hätte leben können, wenn ich im Gegenzug sexuelle Befriedigung der besten Art bekommen würde. Doch es war mühselig darüber nachzudenken, denn der Zug war mittlerweile komplett abgefahren und tatsächlich suchte ich seit einiger Zeit nach einer neuen Stelle in einer anderen Firma und am besten noch in einer anderen Stadt.

Eva kam nach wenigen Minuten zurück und stoppte endlich mein Gedankenkarussell.

»Ich denke, es ist soweit. Ihr habt noch fünf Minuten, wir sollten also langsam nach oben gehen, die Musiker fangen jede Minute mit dem Konzert an.«

Kaum hatte sie den Satz beendet, hörte ich auch schon die ersten Bläser und weihnachtliche Töne. 

»Na schön«, gab ich zwangsweise nach, raffte erneut das lange Kleid und ging Eva entgegen. Sie half mir und hob den hinteren Teil an, sodass ich auf der Treppe nicht ausrutschen oder stolpern würde. Darunter trug ich mehrere Schichten wärmende Funktionswäsche und für den Notfall gab es eine weiße Daunenjacke, für die ich allerdings auf die Flügel verzichten müsste, die aber wohl wichtig wären. Jedenfalls war Eva dieser Meinung. 

Wir gingen gemeinsam durch den eiskalten Flur des Rathauses und mich fröstelte jetzt schon. In den letzten Nächten waren die Temperaturen erheblich in den Keller gerutscht und für heute Abend war sogar Schnee gemeldet. 

Oben angekommen, sah ich zuerst nur einen roten Rücken, schwarze Stiefel und einen blonden Haarschopf, den ich natürlich sofort wiedererkannte und der erstaunlicherweise ein Kribbeln in mir auslöste. Wie oft hatte ich mich daran festgehalten, wenn er … ich schüttelte schnell den Kopf, um die Erinnerung zu vertreiben. 

Stattdessen versuchte ich es also mit Freundlichkeit.

»Hallo Jan«, begrüßte ich ihn.

Er drehte sich um und sein Blick sprach Bände. Seine Augen wurden immer größer und für eine Sekunde befürchtete ich, er würde mir an die Gurgel gehen. 

»Nee, oder? Das glaube ich ja jetzt wohl nicht«, kommentierte er und ein böses, gemeines, hinterhältiges Lächeln legte sich auf seine Lippen. Genau so stellte ich mir Serienkiller vor. 

»Wenn du dich beschweren willst, mach das bei der Verräterin da drüben. Ich wusste bis eben nichts davon«, erwiderte ich trotzig und hoffte so, seine Aufmerksamkeit auf Eva lenken zu können. Doch es misslang. 

»Du wagst dich also noch mal in meine unmittelbare Nähe? Erstaunlich, wo du doch sonst jedes Meeting sausen lässt und auch die Kantine nur noch betrittst, wenn ich garantiert wieder in meinem Büro sitze und einer deiner Spitzel das kontrolliert hat. Mich wundert ja, dass mich noch niemand im Büro eingeschlossen hat, bis Madame sich in den Feierabend verabschiedet. Hab ich noch immer so eine Wirkung auf dich? Gut zu wissen.«

Mir blieb der Mund offen stehen über so viel Überheblichkeit, auch wenn er tatsächlich in den ersten beiden Punkten recht hatte … und über die Idee mit dem Einsperren sollte ich tatsächlich einmal nachdenken. Doch ich legte nur den Kopf schief und sah ihn böse an. Blödmann. 

»So ihr beiden, wir warten noch auf Knecht Ruprecht, dann könnt ihr loslegen«, erklärte Eva völlig unbeeindruckt von unserem kleinen Wortgefecht, als sie per Headset mit einem ihrer Mitarbeiter gesprochen hatte, der ebenso wie viele andere heute für einen reibungslosen Ablauf sorgen würde. 

Ruprecht kam zum Glück auch nur wenige Minuten später und unterbrach den mehr als intensiven, allerdings nicht unbedingt wohlwollenden Blick, dem mich Jan die gesamte Zeit unterzog. Was auch immer dieser Mann gerade wieder ausheckte, es war sicher nicht gut. 

Als Eva das Zeichen gab, wurde die doppelflügelige Tür des Rathausbalkons geöffnet. Ich setzte mein bestes Lächeln auf und wir traten hinaus.

Eisiger Wind wehte uns entgegen und reflexartig drehte ich mich weg und verbarg mich hinter Jans Rücken. Hier würde ich es keine fünf Minuten aushalten, ohne als Eiszapfen zu enden.

»Alles klar bei dir?«, fragte er nach, denn mein Manöver war ihm natürlich nicht entgangen. Seine samtige Stimme umschmeichelte mich sofort wieder und ich erinnerte mich an all die vielen, schmutzigen Sachen, die er mir damals so oft zugeflüstert hatte. Man, warum fielen mir denn gerade jetzt diese Dinge ein! 

»Ja, alles gut«, log ich schnell, schob die Erinnerung an die positiven Seiten unserer gemeinsamen Zeit in die hinterste Ecke meines Gehirns und wagte mich wieder neben ihn. Jan musterte mich noch kurz, doch durch seinen Bart und die tief sitzende Mütze, die er nun trug, konnte ich nicht erkennen, was er dachte.

»Unsere Kostüme sind für diese Aktion eindeutig die bessere Wahl«, meinte er nur und da konnte ich ihm nur beipflichten und nickte. 

Die beiden Männer nahmen mich in ihre Mitte und so wurde ich immerhin ein wenig vom Wind abgeschirmt. 

Es war ein wirklich unfassbar schöner Ausblick von hier oben. Man konnte über den gesamten geschmückten und beleuchteten Markt sehen, unter uns war tatsächlich alles voller Menschen, die erwartungsvoll zu uns empor blickten. Die Kapelle spielte noch immer irgendein Weihnachtslied, ein Chor sang im Hintergrund mit. Es war wirklich atemberaubend und ich konnte urplötzlich verstehen, warum Margot so an dieser Aufgabe hing. Es war ein magischer Moment.

Jan begann mit seiner Ansprache und er machte das unfassbar gut. Ich hing förmlich an seinen Lippen und musste mich konzentrieren, damit meine Gedanken nicht wieder spazieren gingen. Er sprach vom Geist der Weihnacht, von Liebe und dem Miteinander, von Familie und Freunden und versprach den Kindern einen reich gedeckten Gabentisch. Auch der nette Verweis auf Knecht Ruprecht, der sich um die nicht so braven Kinder kümmern würde, fehlte nicht. Irgendwie wurde ich das Gefühl nicht los, dass er explizit mich damit meinte. Am liebsten hätte ich ihm ja ins Schienbein getreten, doch so langsam waren meine Füße zu Eiszapfen erstarrt, obwohl ich bereits die dicksten Socken und wärmsten Schuhe trug, die mein Schrank hergab. Ich begann also von einem aufs andere Bein zu treten, was natürlich von beiden Männern nicht unbemerkt blieb.

»Wir haben es gleich geschafft. Auf der Kutsche gibt es eine Decke und warmen Tee«, flüsterte mir Knecht Ruprecht zu.

Mein Kopf ruckte herum und ich sah ihn fragend an.

»Kutsche? Welche Kutsche?«

»Na die, in die wir gleich steigen und durch die Stadt gefahren werden. Ist nur eine kleine Runde, keine Sorge. Du weißt doch, die Parade zum Weihnachtsmannhaus.«

Gleich würde es Leichen geben! Von einer Kutschfahrt war nie die Rede, und soweit ich mich erinnere, gab es die letzten Jahre auch keine solche.

»Wer ist denn auf die Idee gekommen?«, flüsterte ich, um Jans Ansprache nicht zu stören.

»Der Bürgermeister«, gab Ruprecht zurück und deutete dann aber mit dem Kopf zum Weihnachtsmann. Ich setzte also wieder mein schönstes Lächeln auf, denn genau in diesem Moment hob Jan eine große Glocke hoch und begann diese zu läuten.

Somit war der diesjährige Markt eröffnet. 

»Warum genau fahren wir jetzt mit einer Kutsche?«, hakte ich nach, als die Türen des Balkons sich hinter uns schlossen und jemand mit drei dampfenden Bechern Tee auf uns zukam. Die Frage nach dem Glühwein sparte ich mir. 

Doch Ruprecht wurde schnell mein bester Freund, als er einen Flachmann aus seinem Kostüm zog und auch mir einen großzügigen Schluck in den Tee gab. Jan lehnte ab, anscheinend gefiel ihm ohnehin nicht, was gerade passierte.

»Das hat sich der Bürgermeister so ausgedacht. Es gibt ein Weihnachtsmannbüro draußen am Park, an das die Kinder ihre Wunschzettel schicken können. Wir lesen diese dann und beantworten sie. Auch da ist heute mächtig Trubel angesagt. Wir fahren da nun hin und die Leute können uns folgen, dann werden Fotos gemacht und so«, erklärte er gelassen. 

»Moment«, protestierte ich. »Eva meinte, ich wäre hier nach fünfzehn Minuten raus. Jetzt kommt ihr mir mit sowas.«

»Du wirst es schon überleben und es ist für einen guten Zweck. Wozu machst du das hier überhaupt mit, wenn dir ohnehin nichts daran liegt? By the way: Seit wann stehst du überhaupt auf Weihnachten?«, maulte Jan mich an.

»Das musst du gerade sagen«, giftete ich zurück. »Ich mache das nur, weil ich einer Freundin einen Gefallen tun wollte. Nur hätte ich vorher die Konditionen prüfen sollen.«

Genau in dem Moment kam Eva um die Ecke gelaufen, sah meinen bösen Blick und eilte auch sogleich auf mich zu.

»Das hatte ich völlig vergessen zu erzählen. Muss wohl am Stress der letzten Tage gelegen haben«, säuselte sie. Doch ich glaubte ihr natürlich kein Wort. Letztlich war es auch völlig egal, denn ich kam nicht aus der Sache raus. Schließlich hatte mich ja die versammelte Menge bereits auf dem Balkon stehen sehen.

»Warts nur ab«, maulte ich daher. »Dir bringt der Weihnachtsmann dieses Jahr nur die Rute.«

»Ach, damit kann ich leben«, grinste Eva und klatschte in die Hände. 

»Na dann, auf geht`s.«

Ruprecht hingegen verfolgte das Spiel zwischen Jan und mir mit immer größerem Interesse.

»Das ist also besagte Lina?«, wendete er sich an Jan, gab sich aber keine Mühe, dass ich es nicht mitbekam. »Na dann bin ich ja mal gespannt, was der Abend noch so bringt.«

»Ja, ich ebenso«, kommentierte Jan die Aussage. Bevor mir eine saftige Erwiderung einfiel, drehte Ruprecht sich um und lief laut lachend zum Ausgang. 

»Ich geh mal schauen, ob die Kutsche bereit steht.«

»Warum machst du das hier?«, fragte Jan noch einmal nach. Dieses Mal allerdings in einem relativ normalen Ton, als wenn er wirklich interessiert wäre. Inzwischen hatte er Bart und Mütze abgenommen und sah aus, als wenn er gerade eine heiße Nacht hinter sich hätte. Soll heißen: zum Anbeißen. »Ich für meinen Teil finde es ja sehr interessant, dass gerade du den Engel spielst.«

Soviel zum Thema „wirkliches Interesse“.

»Margot und Eva haben mich reingelegt. Ich hatte keine Ahnung, was auf mich zukommt, als ich meine Hilfe anbot. Im Übrigen passt du auch nicht gerade in die Rolle des lieben Geschenkebringers. Vielleicht vom Alter her, aber sonst? Ruprecht mit der Rute wäre vermutlich die richtige Rolle … gern auch Luzifer, aber der hat ja mit Weihnachten weniger zu tun.«

»Vorsicht, mein Engel. Ganz dünnes Eis!«, warnte er mich, doch sein Blick war keineswegs böse, sondern … er neckte mich. Er tat was? 

Was sollte das denn jetzt bitte werden? Wollte er mich wirklich auch heute provozieren?  

Dann müsste er sich aber warm anziehen, denn ich würde keinen Millimeter nachgeben. Auch wenn ich diejenige war, die ihn damals hatte sitzen lassen und an der Sache wahrscheinlich die Hauptschuld trug. 

Mit verschränkten Armen standen wir uns gegenüber, starrten uns an. 

»Meine Güte, nun macht mal halblang«, hörte ich Eva hinter mir lautstark seufzen. »Ihr werdet es ja wohl schaffen, euch ein oder zwei Stündchen nicht umzubringen. Du hast es selbst gesagt, liebe Lina: Bösen Kindern bringt der Weihnachtsmann keine Geschenke.«

In dem Punkt waren Jan und ich endlich mal einer Meinung: Eva sollte sich lieber ganz schnell in Sicherheit bringen.

»Na kommt schon«, überging sie einfach so unsere mordlüsternen Blicke, »eure Kutsche steht bereit und ich habe sogar Wärmedecken organisiert.«

Da ich keine Chance sah, aus der Sache rauszukommen, raffte ich also erneut mit Evas Hilfe mein Kleid, Jan folgte uns dümmlich grinsend, Mütze und Bart wieder aufsetzend.  Wahrscheinlich lag ihm bereits ein Kommentar zu meiner wärmenden Unterbekleidung auf den Lippen. Doch er verkniff ihn sich glücklicherweise. Wir bestiegen also unter Applaus der Menschen auf dem Platz die Kutsche und schon ging die Fahrt los, langsam und träge, damit die Leute uns folgen konnten. Rechts und links der Straße standen tatsächlich ebenfalls Zuschauer und auch die Kapelle folgte uns und stimmte das nächste Weihnachtslied an. Meine Güte, wo war ich hier nur hineingeraten!

Jan hatte sich sehr zu meinem Leidwesen neben mich gesetzt, Ruprecht uns gegenüber. Er reichte mir eine Decke, doch ich lehnte schmollend ab.

Jan schnappte sich stattdessen den Stoff, breitete ihn aus, legte ihn sich aber keineswegs selbst auf den Schoß, sondern packte mich darin ein. Meine Proteste ignorierte er einfach.

»Kannst du für eine Sekunde auch einfach mal deinen Mund halten? Ich habe keine Lust, dass du mir auch noch die Schuld an einer Erkältung oder sogar deinem Tod gibst. Und keine Sorge, bei deiner sexy Unterwäsche käme ich ohnehin nie auf dumme Ideen.« Er feixte dümmlich und auch Ruprecht räusperte sich, um das Lachen zu verstecken.

»Das ist keine … «, wollte ich mich verteidigen, ließ es aber bleiben. Denn genau darauf warteten die beiden Kerle doch nur. Ich konzentrierte mich also aufs Schmollen. 

»Und nun lass diese verdammte Decke da, wo sie ist, oder ich ziehe andere Methoden auf«, warnte er mich, als ich erneut seine Hände wegschieben wollte. 

Das war dann doch zu viel und dieses Mal konnte ich meinen Mund leider nicht halten und ließ mich provozieren.

»Ach ja? Die Methoden, die du bei all deinen Frauen so anwendest? Lass mich raten. Du fesselst sie ans Bett, sonst würden sie schon vor dem eigentlichen Spaß davonlaufen?«

Jan sah mich lange Zeit an und irgendwie kam es mir so vor, als würde er hinter seinem Bart breit grinsen. Er kam mir immer näher, bis sein Mund direkt an meinem Ohr lag und ich seinen warmen Atem trotz der langen Haare darüber spüren konnte.

»Keine Ahnung, was andere Frauen so möchten. Aber dass das deine bevorzugte Methode war, daran kann ich mich noch gut erinnern. Ich wette, Ruprecht leiht mir auch ohne Probleme das Seil, welches da an seinem Gürtel baumelt.«

Ich schluckte, denn mit dieser Antwort hatte ich nicht gerechnet. Musste er denn so ins Detail gehen. Meine Vorlieben gingen keinen etwas an. Trotzdem wanderte mein Blick beinahe automatisch hinüber auf die Gegenseite in der Hoffnung, Jan würde bluffen. Gerade als ich ihm eine gepfefferte Antwort liefern wollte, sah ich jedoch, dass es stimmte. An Ruprechts Seite baumelte ein zusammengerolltes Seil. 

Meine Augen wurden immer größer, ich hob den Blick und sah direkt in Ruprechts Augen. Ein wissendes Lächeln lag auf seinen Lippen. 

»Ach lasst mich doch in Ruhe, ihr Idioten!«, motzte ich und verzog mich unter dem Gelächter der beiden Männer in den hintersten Winkel der Sitzbank, wickelte die Decke noch etwas enger um mich und schwieg, ließ sie aber nicht aus den Augen. Natürlich fiel mir der stetige Blickkontakt der beiden auf. Hier war doch irgendwas nicht ganz koscher. Woher kam dieser Ruprecht eigentlich? 

Die Fahrt dauerte tatsächlich eine gefühlte Ewigkeit, doch zum Glück musste ich nur ab und an mal winken und nett lächeln. 

Jan und Matthias, wie Ruprecht mit richtigem Namen hieß, waren nach unserem kleinen Intermezzo in lockeren Smalltalk verfallen, dem ich notgedrungen folgen musste. Ganz jugendfrei war der nicht und ich hoffte inständig, dass keiner es mitbekam, geschweige denn ein Kind etwas aufschnappte. Himmel, was zum Teufel verband die beiden Kerle? 

»Na, so langsam dürften deine Ohren ja glühen«, sprach mich Jan prompt darauf an, als die Kutsche vor dem Eingang zum Park hielt. Die letzten Meter mussten wir zu Fuß bewältigen, doch das beleuchtete Weihnachtsmannhaus und auch das bunte Treiben davor waren schon zu sehen. 

Soweit ich wusste, wurde das Haus damals vom städtischen Gärtner bewohnt, war inzwischen aber so etwas wie ein Mini-Museum und man hatte die Einrichtung den Zeiten der Entstehung des Parks angepasst, etwa 1890. Ich selbst war noch nie drinnen gewesen. 

»Nein, wieso? Du hast doch selbst gesagt, dass ich als Engel nichts tauge. Wirklich kreativ und einfallsreich seid ihr beide nicht. Da würde ich als Frau auch nicht lange bleiben«, versuchte ich mich herauszureden.

In Wirklichkeit war mir ganz schön warm geworden und das lag nicht an der kuscheligen Decke. Mein Kopfkino produzierte unentwegt nicht jugendfreie Bilder. Im Hinblick auf die nächsten Stunden keine gute Idee. Denn schon scharten sich die ersten Kinder um uns herum und Jan begann Hände zu schütteln und Bonbons zu verteilen. Ruprecht hingegen kam an meine Seite und schlug mir spielerisch mit seiner Rute auf den Hintern.

»Hey!«, protestierte ich. Doch er zwinkerte mir nur schelmisch zu.

»Keine Sorge, war nur ein Spaß«, sagte er und schob mich vorwärts Richtung Haus.

»Was genau machen wir jetzt hier?«, wollte ich wissen, denn so ganz erschloss es sich mir nicht, warum ich anwesend sein musste.

»Du und Santa, also Jan, werdet euch ins Haus setzen und die ersten Briefe öffnen und lesen. Dann müsst ihr eine Antwort verfassen. Die kommt in einen Umschlag und wird schließlich verschickt. Das Ganze wird fotografisch festgehalten.«

»Ich muss was? Was soll ich denn da reinschreiben? Ich hab doch keinen Plan und überhaupt ist Weihnachten nicht gerade mein Ding … und dann auch noch Kinder … «, versuchte ich so leise wie möglich zu schimpfen.

»Keine Sorge, ihr öffnet doch nur jeder einen Brief und tut so, als wenn ihr wirklich antworten würdet. Das ist nur Show für die Kinder. Eure Elfen übernehmen das in den nächsten Tagen.«

»Unsere wer?«

Langsam wurde es mir zu bunt, doch Matthias lachte. 

»Eigentlich sind es Studentinnen, die sich ein wenig Geld verdienen. Aber wir nennen sie der Kinder wegen Elfen.«

»Du genießt das hier, oder?«, fragte ich nach, denn ich hatte durchaus bemerkt, mit welcher Freude sich Matthias den Kindern widmete und für jedes ein nettes Wort übrig hatte.

»Ja, durchaus«, lächelte er, doch dann wurde sein Blick dunkler. »Nicht nur das, glaube mir.«

Ich blieb einfach stehen und starrte ihm hinterher. Mit einer Schar Kinder um sich herum bahnte er sich den Weg zur Tür, drehte sich noch einmal um und schwang demonstrativ und in eindeutiger Bewegung die Rute. Sein lautes Lachen konnte ich auch über das Stimmengewirr hören. Was hatte Jan ihm nur über mich erzählt?

Jan sah zu mir und mir wurde schlagartig bewusst, dass ich den Abend mit den beiden Kerlen auf engstem Raum überstehen müsste. Ob ein Engel auch an Übelkeit leiden konnte? Oder waren diese himmlischen Geschöpfe gegen Krankheiten immun?

Noch bevor ich eine Antwort parat hatte, wurde ich ins Haus und weiter in einen bunt geschmückten Raum geschoben und auf einen der beiden Sessel, die vor einer Kaminattrappe standen, platziert. Ich sah mich um. Das sah schon recht nett und gemütlich aus, leise Weihnachtsmusik dudelte im Hintergrund und Plätzchenduft wehte zu mir herüber. Die Wärme entspannte mich, meine Füße tauten langsam auf und ich begann die ganze Sache immerhin ein ganz klein wenig gelassener zu sehen. 

Auf einem Schreibtisch am anderen Ende des Raumes lag ein riesiger Berg mit bunt verzierten Briefen, davor standen weitere prall gefüllte Postsäcke und in den nächsten Wochen kämen ganz sicher noch einige mehr hinzu. Wie viele Elfen gab es noch mal? Das kann doch kein Mensch per Hand bewältigen!

»Wir sind zu zehnt«, sagte plötzlich eine weibliche Stimme hinter mir. Ich sah auf und erkannte eine Frau in einem hellblauen, langen Kleid mit weißer Schürze. So sahen Elfen aber nicht aus.

»Ja, ja, ich weiß«, lachte sie. »Wir Mädels haben gegen die gestreiften Strümpfe und Glöckchen an den Schuhen protestiert. Heraus kam dieses Kostüm«, erklärte sie mir. Ich nickte und konnte es vollkommen nachvollziehen. Ich hätte mich wohl auch geweigert.

»Na, schon fleißig am Arbeiten? Willst wohl Pluspunkte sammeln, wie?«, hörte ich Jan fragen, der gut gelaunt auf mich zukam. Sein Blick fiel natürlich sofort auf die Elfe neben mir und auch sie war augenscheinlich sehr erfreut über diese junge Version des Weihnachtsmannes. Wie deren beider Abend enden würde, war ziemlich klar. Doch daraus würde nichts werden. 

»Natürlich, du kennst das doch von deinen Kindern. Immerhin hast du drei davon«, grinste ich böse. »Ach nein, das vierte ist ja bereits unterwegs, oder? Wie geht es denn deiner Frau so?«

Sein böser Blick traf direkt auf meinen, doch mein Spaß fing gerade erst an. Die eben noch so freudige Erwartung im Blick der Elfe schwand augenblicklich, ihr Lächeln verblasste. Sie verabschiedete sich und verließ den Raum, ohne Jan noch eines Blickes zu würdigen. 

Zufrieden lehnte ich mich in meinen Sessel zurück, Jan sah mich eine Weile einfach nur an, dann schüttelte er den Kopf und begann zu lachen. Er lachte!

»Du schreist förmlich nach Ruprechts Rute«, meinte er nur lapidar, doch es war mir egal. Ich zeigte ihm die Zunge und schnappte mir einfach einen der Briefe. Schließlich sollte ich ja eine Antwort verfassen, da musste ich wissen, um was es überhaupt ging. Auch wenn alles nur Show war.

»So, hier ist der Fotograf, der das Ganze für unser Tagesblatt festhalten wird.« Ruprecht betrat den Raum, im Schlepptau einen Mann mit großer Kamera, der sich als Jörg vorstellte.

»Dann wollen wir mal von der trauten Zweisamkeit ein paar Bilder machen«, begann dieser auch sofort. Ruprecht hustete leise, doch ich ahnte, dass er so nur einen Lacher verstecken wollte. Von Zweisamkeit waren Jan und ich so weit entfernt wie der Nord- vom Südpol.

»Könnten Sie sich vielleicht auf die Armlehne zum Weihnachtsmann setzen«, fragte Jörg mich. »Und dann schauen sie beide gemeinsam in einen Brief. Sie können auch gern auf etwas hinweisen.«

Ich rollte mit den Augen, widerstand aber dem Drang einen Kommentar abzugeben. Je schneller der Fotograf fertig wurde, desto schneller war ich hier raus.

Also setzte ich mich mit einem gewissen Sicherheitsabstand zu Jan und blickte ihm verstohlen über die Schulter.

»So geht das nicht«, mischte sich nun auch Matthias ein. »Ihr seid vertraut miteinander, ihr mögt euch und freut euch, dass ihr den Kindern eine Freude machen könnt. Also rutsch ein Stück näher, Engelchen!«

Wenn ich könnte, würde ich ihm meinen Sternenstab geradewegs in die Augen rammen. Doch Matthias schien mein Blick wenig auszumachen. Also schob ich mich ein wenig mehr an Jan heran und plötzlich stieg mir sein unverkennbarer Duft in die Nase. Was war ich verrückt danach gewesen! Allein dieser Geruch hatte genügt und alles begann in mir zu kribbeln. Leider funktionierte dieser Trigger auch heute noch und ich hätte am liebsten sofort Reißaus genommen.

Jan schien dies zu spüren, denn plötzlich legte er einen Arm um mich herum und grinste mich wissend an. Blödmann.

Doch ich riss mich zusammen, versuchte das schönste Lächeln für die Fotos und spielte, so gut es eben ging, den weihnachtlich gut gelaunten Engel. Dass mir gerade vor lauter Wut teuflische Hörner wuchsen, musste ja keiner wissen. Genugtuung allein gaben mir die Elfen, die allesamt Jan mit Ignoranz bedachten. Elfe eins schien sie also gewarnt zu haben. Die Nacht würde er vermutlich allein verbringen müssen. 

Als sich der Fotograf endlich verabschiedete … etwa eine Stunde später, denn, oh Wunder, Fotos mit den Kindern wurden ja auch noch gemacht …  atmete ich erleichtert auf und ließ mich wieder in meinen Sessel fallen. Das Stimmengewirr draußen war nur noch gedämpft zu hören. Die meisten machten sich wohl auf den Rückweg zum Weihnachtsmarkt. Ich schaute kurz auf die Uhr über dem Kamin. Immerhin war es bereits kurz nach 20 Uhr, für einen Großteil der Kinder sicher Schlafenszeit. Also rückte auch mein Ende in diesem Schlamassel endlich näher und ich wagte es, den Haarreif samt Heiligenschein abzunehmen. Meine echten Haare sahen unter der Perücke sicher furchtbar aus, aber so langsam begann es zu kribbeln und zu jucken. Ich musste schnellstens nach Hause. Auch Jan entledigte sich Mütze und Bart und öffnete die rote Weihnachtsmannjacke. Darunter kam eine dicke, ausgestopfte Bauchattrappe zum Vorschein, die er mit Hilfe von Ruprecht abnahm. Erleichtert ließ auch er sich in seinen Sessel fallen. 

Matthias hatte uns drei Becher mit Glühwein organisiert, hängte von außen an die Tür ein „Geschlossen“- Schild und schloss diese einfach. Endlich Ruhe! Was nicht hieß, dass ich plötzlich gut Freund mit Jan war. 

»Ihr zwei kennt euch also näher?«, schlug Matthias natürlich genau in die richtige Kerbe. Ich verdrehte die Augen und schnaufte abfällig. 

Bevor Jan irgendeine haarsträubende Geschichte zum Besten geben konnte, sagte ich:

»Ja, leider. Hätte ich gewusst, dass der Herr da drüben eins auf eingeschnappte Leberwurst macht, nur weil ich mich an unsere Abmachung hielt, wäre ich ihm lieber aus dem Weg gegangen. So toll war der Sex nun auch wieder nicht.«

Jans Kopf schoss regelrecht zu mir herum und ich ahnte, dass ich das Ganze hätte anders ausdrücken sollen. Doch da ich den ganzen Tag noch nichts weiter gegessen hatte, sprach nun der Glühwein aus mir.

»Ach? Er war also schlecht? Da kann ich mich aber an andere Szenarien erinnern. Soll ich dir auf die Sprünge helfen? Lass mal sehen … « Jan tat so, als würde er angestrengt überlegen.

»Wage es nicht!«, protestierte ich, doch natürlich beeindruckte ihn das wenig. Von mir halben Portion hätte er ja auch nichts zu erwarten. 

»Ach lass mal, mich würde das schon interessieren«, meldete sich nun auch Matthias zu Wort. »Vielleicht kann ich ja behilflich sein.«

»Also da war doch dieser eine Abend, bei Susanne und Fred. Erinnerst du dich? Du konntest es kaum abwarten, nach Hause zu kommen, und hast mich in deren Schlafzimmer gezogen. Und dann der eine Kinobesuch. Vom Film hast du nichts mitbekommen, denke ich. Und wirklich leise warst du auch nie. Erinnere dich mal an deine Nachbarn, die hatten mehr als einmal das Vergnügen, dich zu hören und …«

»Naja, ich wollte schließlich nicht dein übergroßes Ego verletzen, wo du doch so schon Schwierigkeiten hast bei diversen Vergnügungen. Da nimmt Frau eben, was sie kriegen kann.«

»Das war ein einziges Mal«, herrschte er mich an. »Und da waren es minus 10 Grad draußen. Wenn du nicht warten kannst, bis wir vom Spaziergang zurück sind, kann ich auch nichts dafür.«

Matthias verfolgte unsere Unterhaltung mit großem Interesse und heller Freude. Doch es war mir egal, Jan hatte ohnehin alle möglichen Gerüchte über mich gestreut und ist der Ruf erst ruiniert … 

»Andere Männer nach dir haben das locker hinbekommen«, warf ich trotzig ein.

»Natürlich, nach mir gab es auch keine Minustemperaturen mehr, wenn ich dich daran erinnern darf. Das Argument zählt also nicht.«

»Pfff«, machte ich nur abfällig, auch wenn Jan nicht ganz Unrecht hatte. 

»Außerdem können nach mir gar nicht so viele Kerle gewesen sein … «, setzte er erneut an, biss sich dann aber auf die Lippe und sah mich nur an.

»Ach was weißt du denn«, warf ich zurück, doch plötzlich leuchtete die sprichwörtliche Glühbirne über mir auf. »Moment, woher weißt du das? Es geht dich einen Scheiß an, mit wem ich was mache. Oder stalkst du mich etwa?!«

»Das brauche ich gar nicht, so offen wie du mit deinen Liebschaften prahlst«, gab Jan zurück, doch ich konnte ihm deutlich ansehen, dass das nur die halbe Wahrheit war. Wieso interessierte es ihn, was ich mit wem auch immer trieb? Außerdem warfen er und Matthias sich sehr eigenartige Blicke zu. 

Gerade wollte ich etwas erwidern, als Ruprecht mir ins Wort fiel. 

»Okay, das ist dann wohl mein Stichwort«, sagte er plötzlich. Im selben Augenblick hechtete er zur Tür, riss sie auf, sprang regelrecht hinaus und verriegelte sie erneut von außen.

Jan und ich sahen uns entgeistert an, bevor Leben in mich kam und ich ebenfalls zur Tür sprintete. Durch das Glas im oberen Bereich konnte ich Matthias grinsen sehen.

»Spinnst du, mach das Ding wieder auf!«, rief ich und rüttelte wie wild an der Klinke. Das gab es doch nicht! Der hatte uns eiskalt eingesperrt. 

»Nein, das werde ich nicht«, erklärte er dagegen ziemlich gelassen. »Ihr beide werdet das jetzt ein für alle Mal klären. Denn auch eure Kollegen haben die Nase gestrichen voll von diesem Kindergarten und intervenieren hiermit.«

»Sag mal, gehts noch?«, fragte ich wütend. »Das geht euch gar nichts an. Und wieso weißt du etwas von unseren Kollegen?«

»Er fängt am Montag bei uns an und hat seit zwei Wochen bereits stundenweise in der Personalabteilung gearbeitet«, hörte ich Jan hinter mir sagen. »Er ist folglich mehr als nur im Bilde und zudem ein guter Freund von mir.«

Moment! Was genau ging hier eigentlich ab?

»Ihr Wichser!«, rutschte es mir heraus. Eine Sekunde lang dachte ich nämlich, das wäre alles abgesprochen. Doch auch Jan schien ziemlich sauer auf Matthias zu sein, er hatte sich nur besser im Griff. Oder tat er nur so? Misstrauisch sah ich von einem zum anderen. 

Ich hingegen rüttelte erneut wie eine Verrückte an der Klinke. Nichts!

»Lina, beruhige dich«, versuchte Jan nun auf mich einzureden. »Das hat keinen Sinn.«

»Ich will hier raus und zwar sofort. Das ist Freiheitsberaubung, Entführung, Kidnapping. Wo ist mein Handy? Ich rufe die … « Ich tastete reflexartig an mir hinunter, doch natürlich lag meine Tasche samt Geldbörse und Handy noch im Rathaus. Ich konnte ja nicht ahnen, was mich erwarten würde.

»Also dann, macht euch einen schönen Abend. Ach Jan«, hörte ich Matthias von draußen, »das Seil liegt unter dem Schreibtisch, falls du sie doch fesseln musst.«

Als ich ihm meinen Stinkefinger zeigte, warf er mir nur eine Kusshand zu und verschwand endgültig. 

Irgendwer wird doch wohl da draußen sein und uns rauslassen. Also klopfte ich wie wild an die Tür und rüttelte noch einmal an der Klinke. Doch weder tat sich etwas, noch hörte uns jemand. Wie auch! Draußen waren keine Besucher mehr und der Park wurde ohnehin am Abend geschlossen. Ich saß also fest. 

Aber es gab Fenster!

Ohne Jan zu beachten, der sich wesentlich schneller mit der Situation abgefunden zu haben schien und mich nun, angelehnt an den in der Ecke stehenden Schreibtisch, beobachtete, stolperte ich zum Fenster. Doch auch hier hatte ich keine Chance, denn natürlich war es mit einem kleinen, verzierten Gitter vor Einbrechern geschützt.

Das konnten sie doch nicht machen! Was, wenn ich aufs Klo müsste?

»Bist du nun fertig?«, fragte er irgendwann in einer stoischen Ruhe, die mich erneut in Rage brachte. Doch ich schwieg, beschränkte mich einfach darauf, ihn mit imaginären Pfeilen zu töten.

»Gut, dann kann ich ja jetzt etwas erklären«, fügte er an, wartete aber weder auf meine Zustimmung, noch bewegte er sich einen Zentimeter auf mich zu. »Wann habe ich denn schon mal die Chance, vernünftig mit dir zu reden, ohne dass du immer gleich das Weite suchst.«

»Das tue ich gar nicht«, protestierte ich, verstummte allerdings, als Jan nur eine Augenbraue hob und mich skeptisch ansah. Gut, das tat ich tatsächlich immer wieder mal. Allerdings gab es für mich auch keinen Grund mit ihm zu reden, geschweige denn ihm zuzuhören. Doch jetzt hatte ich weder etwas Besseres zu tun, noch konnte ich mich ihm verweigern und meine Ohren zuhalten Das. war mir irgendwie zu blöd.

»Also, hörst du mir jetzt zu?«, versicherte sich Jan und ich brummte eine Zustimmung. 

»Du hast mir damals den Boden unter den Füßen weggerissen, als du urplötzlich verschwunden warst und ich von Kollegen erfahren durfte, dass du in die Staaten geflüchtet warst. Keine Erklärung, nichts. Bis dato dachte ich, wir wären auf einer Wellenlänge.« 

Rumms! Ich hatte ja geahnt, dass genau das passieren würde. Ich durfte mir jetzt also seine Vorwürfe anhören für etwas, was beinahe Ewigkeiten zurücklag. Doch nicht mit mir!

»Ja, das dachte ich auch«, warf ich daher ein. Jan hob abermals seine Hand, um mir zu zeigen, dass ich jetzt endgültig Sendepause hatte und er reden wollte.

»Du hast nie auch nur ein Wort gesagt, dass es dir zu viel wurde, dass ich zu schnell zu viel wollte oder auch nur ansatzweise etwas in dieser Richtung. Du sahst ziemlich zufrieden und glücklich aus. Daher hatte es mich auch so aus der Bahn geworfen. Danach war ich für eine Weile ziemlich böse unterwegs. Wenn ich sage, dass ich jede Nacht eine andere Frau im Bett hatte, ist das kaum untertrieben.«

Ich schluckte. Zwar wusste ich, dass Jan über meinen Abgang natürlich nicht besonders erfreut gewesen war, doch ich interpretierte sein Verhalten völlig anders. Ich ging davon aus, dass ich nur sein Ego verletzt hatte und es ihm letztlich doch egal war und er einfach wieder in seinen alten, lockeren Lebensstil zurückgefallen war. 

»Als ich mich endlich wieder gefangen hatte, warst du wieder da und mir wurde bewusst, dass ich noch nicht darüber hinweg war.«

»Meine Güte, Beziehungen gehen tausendmal am Tag auseinander. Du tust gerade so, als wenn du der einzige Mann wärst, dem so etwas widerfährt. Ja, ich gebe zu, ich hätte nicht einfach so gehen würfen, aber … « fiel ich ihm ins Wort. 

»Kannst du einfach mal den Mund halten und zuhören?«, unterbrach er mich erneut. »Genau das ist nämlich dein Problem. Du hörst nur das, was du hören willst. Aber die Zwischentöne entgehen dir meist.«

Fragend sah ich ihn an und zog skeptisch eine Augenbraue nach oben. Was sollte dieses kryptische Gefasel jetzt?

»Du brauchst gar nicht so zu schauen«, rügte er mich. »Weißt du noch, was ich dir in unserer gemeinsamen Zeit sehr oft gesagt habe?«

»Ja Baby, komm für mich? Oder fester, ja, reite mich?«, rutschte es mir heraus, doch es war eindeutig nicht das, was Jan hatte hören wollen. Böse funkelte er mich an.

»Sorry«, entschuldigte ich mich schnell und hob ergeben die Hände.

»Ich habe dir damals schon gesagt, dass kein anderer Kerl dich haben darf«, gab er selbst die Antwort auf seine Frage.

»Ich hatte auch keinen anderen Mann während unserer Zeit. Wenn du mir jetzt unterstellen willst, ich wäre fremd … «, protestierte ich, versuchte aber zeitgleich zu verstehen, in welche Richtung das Gespräch ging. Doch erneut unterbrach er mich.

»Das weiß ich und das meine ich auch nicht. Ich bezog diesen Satz nicht auf unsere damalige Zeit, sondern generell. Ich habe nicht vor, dich an einen anderen Kerl abzutreten.«

»Ha, da kommst du aber reichlich spät«, konnte ich nur lachen. »Nach dir gab es schon noch ein paar andere Männer. Ich bin ja keine Nonne.«

»Glaube mir, das weiß ich. Doch das hat nun ein Ende.«

Bis eben stand ich mit verschränkten Armen angelehnt an der Tür. Doch als dieser Satz mein Gehirn erreichte, schrillten alle Alarmglocken. Jan kam langsam auf mich zu. Er nagelte mich mit seinem Blick regelrecht fest, ich konnte mich nicht bewegen. Stattdessen rannte in meinem Bauch eine Ameisenarmee los.

Dieser blöde, herrische Tonfall hatte mich damals schon angemacht und nun tat er es wieder. Mein Blick fiel auf den Schreibtisch, wenigstens den sollte ich zwischen uns bringen, sonst könnte ich für nichts garantieren. Ich sprintete also los, doch Jan musste meine Gedanken gelesen haben, war schneller bei mir, als ich überhaupt denken konnte, und keilte mich letztlich zwischen sich und dem Tisch ein. Er drückte mich dagegen, die Tischplatte bohrte sich in mein Hinterteil.

»Jan, nein!«, flüsterte ich und schüttelte wie wild den Kopf.

Ich wollte nichts Altes wiederbeleben, so etwas ging selten gut aus. Wir waren nicht kompatibel, mal vom Schlafzimmer abgesehen. 

»Oh doch!«, flüsterte er ganz dicht vor meinem Mund.

Himmel, was tat ich hier? Ich war doch kein dummes Weibchen, ich sollte ihm eine knallen und … ja, was und? Ich kam hier nicht raus und mir war klar, dass Jan es ernst meinte und mich auch nicht gehen lassen würde. Dass hatte er immer wieder betont, nie ein Geheimnis draus gemacht, dass er mich als seinen Besitz ansah, als sein höchstes Gut, welches er immer beschützen würde und …. ach herrje … um das er immer kämpfen würde.

Nun fielen mir auch all die anderen Dinge wieder ein und mir wurde heiß. Ich starrte ihn an, als sein Mund sich dem meinen näherte. Jans Hand legte sich in meinen Nacken, zog meinen Kopf in seine Richtung. 

»Ein Wort, dass du es wirklich nicht willst, und ich lasse dich gehen, versprochen. Wenn es das ist, was du wirklich willst, dann bist du mich los«, hörte ich ihn flüstern. Doch bereits da hatte mein Bauch entschieden, was zu tun sei. Denken wurde ohnehin überbewertet.

Ich griff in seine Haare und zog seinen Kopf zu mir herunter. Unsere Münder prallten aufeinander, was Jan mit einem leisen Stöhnen quittierte. Gott, wie hatte ich es vermisst! Erst jetzt wurde mir diese Tatsache richtig bewusst!

Ich ließ meine Hände unter sein Shirt rutschen und traf auf weiche, heiße Haut. Auch Jan blieb nicht untätig und begann das Kleid zu raffen. 

»Warte«, sagte ich und löste mich kurz von ihm. »Das Ding hat hinten einen Reißverschluss.«

Ich drehte mich um und Jan half mir aus diesem vermaledeiten Kostüm. Erleichtert atmete ich auf, als er es achtlos in die Ecke warf. 

»Hm, das sieht aber auch nicht besser aus«, rügte er mich und ich sah an mir hinunter. Natürlich tat es das nicht! Schließlich trug ich lange, warme Funktionsunterwäsche und noch einen weißen Rolli. Ich musste kichern. 

»Als wenn dein Kostüm Sexappeal hätte«, gab ich belustigt zurück.

»Das können wir ja leicht ändern«, grinste Jan verschlagen und zog sich die Jacke aus, sein Shirt folgte postwendend. Nun trug er nur noch die rote Weihnachtsmannhose und seine Schuhe und gab den Blick frei auf einen durchtrainierten und gebräunten Oberkörper.

Heilige Scheiße! Er sah zum Anbeißen aus und wusste auch noch ganz genau, wie er mich aus dem Konzept bringen konnte. Unbewusst leckte ich mir über die Lippen, was ihm natürlich nicht entging.

»Na dann, Engelchen. Nun bist du an der Reihe.«

Schon packte er den Saum des Rollis und zog mir das Kleidungsstück über den Kopf, bevor ich mich überhaupt über dieses blöde Kosewort ärgern konnte. 

»Meine Güte, wie viele Lagen hast du denn an?«, lachte Jan, als er das langärmelige Shirt erblickte.

»Was sollte ich denn sonst machen? Erfrieren? Dieses Kleidchen da ist nicht gerade für den Winter gedacht.«

»Na dann machen wir mal weiter«, seufzte er theatralisch, sodass ich ihn einmal kräftig boxte. 

»Ich kann ja auch gehen«, gab ich säuerlich zurück. Natürlich dachte ich nicht im Traum dran, auch wenn mein Verstand mir ununterbrochen zurief, dass das hier ein riesengroßer Fehler war. 

»Nein, kannst du nicht«, kommentierte er. »Und damit das mal klar ist: Du gehst nirgendwo mehr hin!«, drohte er mir und keilte mich erneut zwischen sich und dem Tisch ein. Aufreizend rieb er sich an mir, sodass ich seine Erregung deutlich spüren konnte. Ich schloss die Augen, als seine Lippen meinen Hals berührten und er mit seiner Zunge begann kleine Kreise zu ziehen. Seine rechte Hand fand den Weg unter mein Shirt und begann meinen Busen zu kneten, erst sanft, dann kräftiger. Mit Daumen und Zeigefinger rollte er den Nippel hin und her, bis ich den Kopf in den Nacken warf und stumm nach mehr flehte.

Sein kehliges Lachen war Beweis genug, dass er mich genau da hatte, wo er es wollte. Und es war mir erschreckenderweise total egal. Ich wollte Jan. Jetzt. Sofort.

Er schnappte sich nun endlich mein Shirt und zog es mir über den Kopf, auch der dünne BH folgte ohne Pause. Vorwitzig reckten sich meine Nippel Jan entgegen.

»Siehst du, auch die haben Sehnsucht nach mir«, meinte Jan grinsend und senkte seine Lippen erneut auf meine Haut, wanderte tiefer, strich mit der Zunge sanft über meinen Busen. Himmel, ich zerfloss beinahe, meine Beine gaben ihren Dienst auf. Also setzte ich mich auf den Schreibtisch. Dass ich dabei die Lampe und auch ein paar andere Dinge umstieß, war mir egal. So konnte ich mich aber nach hinten auf meine Arme abstützen und Jan hätte besseren Zugang.

Er spreizte meine Beine und kam meiner Aufforderung nur zu gern nach. Wieder versanken wir in einem heißen Spiel unserer Zungen, bis wir beide nach Luft schnappend voneinander abließen.

Doch nur, um uns der restlichen Klamotten zu entledigen. Jans Schuhe und die rote Hose gesellten sich zu meinem Kleid und auch meine lange Skileggins folgte. Nur noch in einem Hauch von Nichts saß ich vor Jan.

»So etwas tragen also Engel unter dem Kleid«, witzelte er. »Ich glaube nicht, dass das kirchenkonform und so gedacht ist.«

»Hat ja auch keiner behauptet, ist meine freie Interpretation«, ging ich darauf ein. Doch schon im nächsten Moment verschwammen all meine weiteren Gedanken, denn Jan strich mit seiner Hand über den dünnen Stoff und massierte meine empfindlichste Stelle. Ich schloss die Augen und genoss seine Berührung, doch schon sehr bald wurde es mir zu wenig. Ich musste ihn ganz spüren. 

»Zieh ihn mir aus«, bat ich und drückte mein Becken nach oben, sodass er es einfacher hatte. Jan grinste nur und kam meiner Bitte sogleich nach, auch seine Shorts folgten.

Meine Hand umfasste augenblicklich seinen Schaft, glitt in langsamen, langen Zügen von oben nach unten und wieder zurück. Beide konnten wir den Blick kaum davon abwenden, doch Jan stoppte recht schnell mein Tun.

»Wenn du das so weitermachst, ist alles vorbei, bevor wir überhaupt angefangen haben«, erklärte er atemlos.

Natürlich machte es mich unheimlich an, dass ich ihn noch immer so dermaßen erregen konnte. An der sexuellen Chemie zwischen uns hatte sich also nichts geändert und über den Rest wollte ich einfach nicht nachdenken. Nicht jetzt!

Ich lehnte mich also wieder zurück, stützte mich erneut auf den Händen ab und sah Jan direkt in die Augen. Er zog meinen Po an die Kante des Tisches, hob meine Beine an und wickelte sie sich um die Hüfte. Seine Erektion konnte ich nun deutlich an meinem Eingang spüren und keuchte auf. Doch Jan machte keine Anstalten, weiter in mich einzudringen. Stattdessen sah er mich einfach nur an.

»Was?«, fragte ich nach, als mir die Situation zu bunt wurde. »Hast du es dir nun doch anders überlegt oder worauf wartest du?«

Ja, manchmal sollte ich einfach meine Klappe halten, konnte ich leider nur selten und wenn mein Hirn, so wie jetzt, nicht richtig funktionierte, kamen die Worte eben ungefiltert aus mir heraus.

»Tz, tz, tz … noch immer so frech. Ich hatte gehofft, du hättest in der Zwischenzeit dazugelernt, doch da muss ich wohl noch einmal von vorn beginnen.«

Es ärgerte mich tierisch, dass Jan sich so gut unter Kontrolle hatte, ich hingegen ein Häufchen Erregung darstellte und eindeutig klar war, was ich wollte. Nämlich ihn, nur ihn.

Ohne mich aus den Augen zu lassen, legte er eine Hand auf meinen Venushügel und begann mit dem Daumen meine Klitoris zu stimulieren. Sein Schwanz drang noch immer nur wenige Millimeter in mich, es machte mich schier wahnsinnig. Also versuchte ich, meine Füße in seinen Po zu bohren und ihn näher an mich und somit in mich zu schieben. Doch gegen seine Kraft hatte ich keine Chance.

Nach einer Weile stöhnte ich frustriert auf, denn mir war klar, was er wollte. Ich sollte betteln und somit für all das büßen, was ich ihm angetan hatte. 

»Bitte Jan, ich kann nicht mehr. Bitte, mach endlich etwas, völlig egal, was. Aber mach!«, flehte ich mit zusammengekniffenen Augen. 

»Würde ich ja«, antwortete er scheinbar völlig entspannt. »Aber es würde glaubhafter klingen, wenn du mich dabei ansehen würdest. Und dann wüsste ich schon gern genauer, was ich tun soll. Kaffee kochen? Kuchen essen? Briefe schreiben?«

Ihm gefiel das hier viel zu gut, denn natürlich wussten wir beide, dass ich in einer ausgesprochen blöden Position war und letztlich nur verlieren könnte. Ich traute es ihm durchaus zu, mich die nächsten Stunden unbefriedigt schmollen zu lassen. 

Also öffnete ich die Augen, machte mir aber nicht die Mühe meinen Frust zu vertuschen.

»Lieber Jan, würdest du mich endlich ficken oder muss ich Ruprecht zurückholen, damit er es mir mit seiner Rute … «, weiter kam ich nicht, denn mit einem harten Stoß war Jan in mir, gleichzeitig klatschte seine Hand gegen meinen Oberschenkel. Ich schrie auf, schnappte nach Luft. Er zog sich zurück, stieß wieder zu und versenkte sich bis zum Anschlag in mir. Meine Arme gaben nach und ich ließ mich einfach rücklings auf den Schreibtisch sinken. Jan packte meine Hüften und hielt mich in Position, damit ich nicht entwischen konnte, verlangsamte nun aber sein Tempo. 

»Fass dich selbst an, streichele dich«, befahl er und nur zu gern schob ich meine Finger zwischen uns. Unsere Blicke verhakten sich regelrecht ineinander, doch ich konnte nicht sagen, was er gerade dachte.

Ich wusste ja selbst nicht, was das Ganze zu bedeuten hatte. Ich wusste nur, dass ich Jan unheimlich vermisst hatte und dass alle anderen Kerle seither nur billige Ersatzbefriedigung waren. Wie konnte ich so einen Mann nur gehen lassen? Ach nein, ich war ja die, die gegangen war. Weil ich Angst vor Gefühlen hatte. Doch das, was ich gerade jetzt spürte und worauf ich mich, ohne es zu wollen, eingelassen hatte, war viel besser.

Als wenn Jan meine Gedanken lesen konnte, schob sich ein Lächeln in sein Gesicht, er begann sich wieder schneller zu bewegen und ich passte mein Fingerspiel an. Rasend schnell näherte ich mich meinem Orgasmus, zog die Beine an und verschränkte sie hinter seinem Rücken.

Auch Jans Atmung war jenseits von Gut und Böse, sein Blick verhangen.

»Gott ja, ich … jetzt«, stammelte ich, als mich mein Höhepunkt überwältigte. Mein Becken zuckte und Welle um Welle nahm mich ein, ich ließ mich liebend gern mitreißen. Immer neue Strudel der Lust erfassten mich, bis auch Jan laut aufstöhnte und sich seinem Orgasmus hingab. Erschöpft ließ er sich nach endlosen Minuten einfach auf mich fallen, ich schlang meine Arme um seinen Hals.

»Halt dich fest!«, flüsterte er nach einer ganzen Weile und hob mich sogleich hoch. Ich quiekte erschrocken auf, klammerte mich aber reflexartig an ihn. Jan ging zu den Sesseln hinüber und setzte sich, nahm mich auf seinen Schoß. Noch immer konnte ich ihn in mir spüren. Ging das überhaupt? Er konnte doch nicht noch immer … oder schon wieder … 

Doch Jan lachte nur.

»Nein, keine Sorge. Heute schaffe ich keine zweite Runde mehr.«

Worüber ich eigentlich erleichtert sein sollte, denn mir tat schon jetzt jeder Knochen anders weh, verursachte allerdings nur Wehmut.

»Du kommst schon nicht zu kurz, mein Engel«, flüsterte Jan und schob mir ein paar Strähnen meiner Haare aus dem Gesicht.

Scheiße, die Perücke! Ich musste furchtbar aussehen! Reflexartig griff ich an meinen Kopf, doch wie es schien, hatte Eva gute Arbeit geleistet und alles saß noch, wie es sitzen musste. Doch kaum hatte ich mich an das Kunsthaar erinnert, begann es darunter wieder zu kribbeln und zu jucken.

Jan lachte nur, zog sich dann vorsichtig aus mir zurück und reichte mir sein Shirt, damit wir uns wenigstens etwas säubern konnten. Schließlich wollten wir nicht unbedingt im Haus des Weihnachtsmannes Spuren unserer Lust hinterlassen.

Kaum war ich wieder auf dem Erdboden gelandet, prasselten die Probleme des Abends auf mich ein. Wir mussten hier raus! Matthias konnte uns doch nicht die ganze Nacht eingesperrt lassen.

»Zieh dich erst mal wieder an, dann sehen wir weiter«, antwortete Jan auf meine geäußerten Bedenken und suchte selbst seine Klamotten zusammen. Ich verzichtete auf das Kleid und begnügte mich mit Leggins und warmem Rolli. Auf dem einen Sessel lag noch eine dicke Decke, die könnte ich notfalls um mich herumwickeln.

»Also«, begann Jan und sah mich genauso zerknirscht an wie Eva zu Beginn des Abends. »Ich hab da noch etwas.« Damit hielt er einen Schlüssel hoch. Ich musste nicht lange überlegen, bis mir klar wurde, zu welcher Tür dieser passte.

»Ihr Idioten habt das geplant!«, wetterte ich außer mir vor Wut. »Habt ihr sie nicht mehr alle oder zu viel Freizeit? Was sollte denn der Scheiß! Nur um mich noch einmal flachzulegen betreibst du so einen Aufwand!«

Ich redete mich in Rage, hätte Jan am liebsten sein blödes Grinsen aus dem Gesicht geprügelt, doch ihn schien das gar nicht zu interessieren. Er kam auf mich zu, legte mir einfach eine Hand auf den Mund. Wütend blinzelte ich ihn an.

»Du hast mir einfach keine andere Wahl gelassen, mein Engel«, sagte er völlig mit sich selbst zufrieden. »Können wir nun endlich aufhören so zu tun, als würden wir uns nicht ausstehen und da ansetzen, wo wir gerade aufgehört haben?«

»Hhhmmm«, presste ich hervor, denn Jan machte keine Anstalten seine Hand wegzunehmen.

»Ich nehme das mal als Zustimmung.«

Dann kam er ganz nah am mich heran, seine Nasenspitze berührte meine, nur noch seine Hand trennte unsere Lippen voneinander. Ich blieb einfach in seinem Blick hängen und was ich da sah, riss mich von den Füßen. Da waren weder Triumpf noch Überlegenheit zu sehen, das war eindeutig Zuneigung.

»Aber wie?«, stammelte ich, als er endlich seine Hand löste, mich stattdessen näher an sich heran zog.

»Du siehst eben immer nur die Dinge, die du sehen willst. Was glaubst du, warum ich alle Kerle in deiner Umgebung vergrault habe? Und wieso spiele ich diesen dämlichen Weihnachtsmann?«

»Moment, Eva meinte, du standest von Anfang an als Besetzung fest. Erzähl mir nicht, dass das alles … also ich meine … « 

Doch Jan nickte nur.

»Margot hatte nie vor, den Engel zu spielen und Eva und Matthias kennen sich schon Ewigkeiten, die beiden haben den Rest ausgeheckt.«

Mir blieb der Mund offen stehen. Was sollte ich auch dazu noch sagen? Ich meine, welcher Mann betreibt denn so einen Aufriss, wenn er es nicht ernst meinen würde?

Ich versuchte zu schmollen, wirklich. Ich wollte es ihm nicht zu einfach machen, doch ganz von allein schlich sich ein breites Grinsen in mein Gesicht.

»Du bist so bescheuert«, flüsterte ich, griff in seine Haare und zog ihn für einen endlos langen Kuss zu mir.

ENDE

Ich wünsche allen meinen Lesern, Fans und Followern, allen Freunden und meiner Familie ein wunderschönes Weihnachtsfest, ein paar ruhige und entspannte Feiertage und kommt gut im neuen Jahr an.

Wir sehen uns dann hoffentlich 2019 gesund und munter wieder.

Eure Maya